Brexit bremst Britanniens Wirtschaft

Banken, Finanzdienstleistungen und Billigjobs würden durch einen Ausstieg aus der EU besonders betroffen sein

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.
Im Juni stimmen die Briten darüber ab, ob ihr Land in der EU bleibt oder nicht. Ökonomische Folgen hat der »Brexit« bereits, warnt die Bank of England.

»Was in unserer Nachbarschaft passiert, ist für Britannien von Belang«, wirbt Premierminister David Cameron für einen Verbleib in der EU. »Isolationismus« habe dem Inselreich nie genützt. Davon geht auch die Zen- tralbank aus. In einer Mitteilung äußerte die Bank of England vergangene Woche, die Brexit-Gefahr sei eine Bedrohung für die Wirtschaft. Die Notenbank verweist auf die durch das Referendum ausgelöste Unsicherheit. Sie habe bereits zu Verschiebungen von Investitionsprojekten geführt. Konjunkturdaten zeigen, dass britische Firmen wegen der Abstimmung Investitionen und Neueinstellungen aufschieben. Bankanalysten sehen das Land gar in einer Art wirtschaftlicher Schockstarre. Auch der Devisenmarkt spiegelt die Sorgen wider: Seit Monaten verliert das britische Pfund gegenüber dem Euro massiv.

Nach einem lahmen ersten Quartal dürfte die Wirtschaftsleistung bis Juli nur um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal steigen. Dabei zählte Großbritannien lange zu den Wachstumsspitzenreitern in Europa. Auch aufgrund einer großzügigen Neuverschuldung - 2015 betrug das Haushaltsdefizit rund 4,7 Prozent, weit mehr als die »Maastricht-Kriterien« den Euroländern zugestehen.

Die britische Wirtschaft ist viel stärker von der EU abhängig als umgekehrt. Fast 50 Prozent aller britischen Warenausfuhren und knapp 40 Prozent der Dienstleistungsexporte gehen in den EU-Binnenmarkt. Der Finanzsektor der Londoner »City« erbringt ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes. »Haben die Finanzunternehmen nicht mehr die Möglichkeit, den EU-Binnenmarkt mit Dienstleistungen zu versorgen«, warnt die Analystin der HSH Nordbank, Sintje Boie, »hätte das gravierende Auswirkungen auf die Wertschöpfung«.

Als Achillesferse gilt das hohe britische Leistungsbilanzdefizit. Das deutet darauf hin, dass ein Land mehr verbraucht als produziert, also sich im Ausland verschuldet. Daher ist Großbritannien auf ausländische Kapitalzuflüsse angewiesen, so auch auf Direktinvestitionen. Die sind drei Mal so hoch wie in Deutschland, nur in den USA liegen sie noch höher. Wird dieses Geld aufgrund eines Vertrauensverlustes abgezogen, dürfte das Pfund gegenüber allen wichtigen Währungen einbrechen. Der Preisauftrieb dürfte aufgrund der importierten Inflation zunehmen und entsprechend zu einer Dämpfung der Inlandsnachfrage und des Wachstums führen.

Der Brexit - eine Wortschöpfung aus Britain und Exit (Ausstieg) - gefährdet auch die sogenannte Freizügigkeit von Arbeitskräften. Zwar haben Flüchtlingskrise und der Zuzug aus der EU erheblich zur Abneigung gegen Brüssel beigetragen. Doch Bankanalysten sehen die preiswerten ausländischen Beschäftigten als »notwendige Voraussetzung« für die Funktionsweise der britischen Wirtschaft.

Auch der Internationale Währungsfonds und die Industriestaatenorganisation OECD warnen vor negativen Folgen eines Brexit. Bei einem Austritt seien neue Handelsbarrieren und bürokratische Hindernisse für britische Firmen wahrscheinlich - die EU würde nach einem Brexit kaum Entgegenkommen zeigen. Viele Firmen könnten Arbeitsplätze in die EU verlagern. Zudem dient die Insel internationalen Unternehmen als Sprungbrett in den EU-Binnenmarkt.

Der britische Gewerkschaftsbund TUC rechnet für den Fall eines Brexit mit Arbeitsplatzverlusten. »Vier Millionen Jobs sind in Gefahr«, sagte Owen Tudor, Leiter der Abteilung für europäische Angelegenheiten beim TUC. »Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Preise für britische Exportprodukte im Falle eines EU-Austritts steigen werden«, so Tudor. Wie viele Jobs dann verloren gingen, hänge davon ab, wie ein Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU aussähe.

Analysen zum Brexit reichen von starken Einbußen bis zu deutlichen Vorteilen für die Briten. So ist Großbritannien mit einer Exportquote von nur 17 Prozent weit weniger abhängig von Ausfuhren als etwa die deutsche Wirtschaft. Anderseits werden die Vorteile der ökonomischen Verzahnung zwischen Großbritannien und der EU in Zahlen unzureichend erfasst. Ein Brexit wäre ein Experiment mit unbekanntem Ausgang.

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