Mosekunds Montag

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 2 Min.

»Oh, wie lecker!«, rief Herr Mosekund, als er einen Freund besuchte, der gerade eine Erdbeertorte zubereitete. »Finger weg«, raunzte der Freund, »das ist ein politisches Kampfinstrument.« Er reichte Herrn Mosekund ein Manuskript. »Dieses Manifest gegen die herrschenden Zustände werde ich beim Tag der Offenen Behörden verteilen und dabei die Torte einem Verantwortlichen ins Gesicht schleudern«, erklärte der Freund. »Sind denn die Erdbeeren aus regionalem Anbau?« fragte Herr Mosekund. »Selbstverständlich«, antwortete der Freund. »Das Gelee enthält keine Konservierungsstoffe?« - »Wo denken Sie hin!« - »Und den Tortenboden haben Sie zu einem fairen Preis erworben?« - »Unter Einhaltung der Mindestlohnrichtlinie«, bestätigte der Freund. »Wenn das so ist«, sagte Herr Mosekund, »könnten wir uns doch ein kleines Stück genehmigen, gewissermaßen als Qualitätstest.« - »Ich sagte doch ...«, wandte der Freund ein. »Ach was, es schmälert den Protest nicht, wenn eine Ecke fehlt«, beharrte Herr Mosekund. Widerwillig schnitt der Freund die Torte an; Herr Mosekund überflog das Papier, schlug einige Verschärfungen vor, und während sie den Text durchgingen und zuspitzten, verzehrten sie ein Stück nach dem anderen. »Jetzt haben wir den Salat!« rief der Freund bestürzt, als die Torte schließlich komplett verspeist war. »Was wird denn nun aus meiner Aktion?« - »Sie haben ja immer noch das Manifest«, entgegnete Herr Mosekund, »und außerdem heißt es im revolutionären Liedgut nicht umsonst: Es macht uns ein Geschwätz nicht satt, das schafft kein Essen her!«

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