Auf der Suche

Blood Orange

Mag einer auch sonst zweifeln, über was er will, über diese Zweifel selbst kann er nicht zweifeln.« Klingt nach Descartes, ist aber von Augustinus von Hippo. Der spätantike Philosoph brachte das Christentum über den afrikanischen Kontinent. Dem in New York lebenden karibischen Afrobriten Devonté Hynes wiederum verdanken wir einen Song über Augustinus. Eine für queeren Pop, wie ihn der 1985 geborene Hynes als Blood Orange spielt, eher zweifelhafte Idee? Ach, geht so.

Auratisch verspult wie Arthur Russels Sphärendisco, souverän verkitscht wie die Balladen von Prince und musikalisch durchaus exemplarisch für das dritte Blood-Orange-Album »Freetown Sound« sucht Hynes in »Augustine« zu verstehen, was seinen aus Sierra Leone und Guyana stammenden Eltern half, mit dem Gefühl der Fremdheit und rassistischen Erfahrungen auf der britischen Insel umzugehen. Die Antwort: Religion. Für Hynes selbst eine destruktive »eiserne Faust«, hält ihn das nicht davon ab, diese Form elterlicher Sinnstiftung mit softer Stimme liebevoll bejahend zu besingen. Eine Frage der Anerkennung. Darunter platschen verhallte 80er-Drum-Beats im Midtempo und ein paar Klaviernoten schweben verloren durch die Luft.

Dass Hynes mal bei so einem Sound landen würde, war 2004, als er mit den Text Icicles hysterischen Neo-Post-Punk machte, nicht abzusehen. Nach deren Auflösung im Jahr 2006 versuchte er sich unter dem Namen Lightspeed Champion an heiter-theatralischem Folkpop. Erst danach kam seine Phase als Blood Orange, erschienen Platten im hybriden Fahrwasser aus Disco, (Chill) Wave, Future-Funk, R&B und Dream-Pop. Auf »Freetown Sound« treten Nelly Furtado, Debbie Harry, Kelsey Lu und weitere Gastsängerinnen auf. Hynes lässt es anmutig klöppeln und zwitschern, das Saxophon erinnert an die chromatische Melancholie von Nachtclubs, der Bass slappt, als sei gerade Funk-Zeit. Richtig in Fahrt aber kommt das Album nie. Auch ist es mit 17 Songs, die ein und dieselbe Stimmung haben, auf Dauer etwas zu einlullend geraten.

Der »Spex« erzählte Hynes, im Prinzip sei »Freetown Sound« ein »60-minütiges Selbstgespräch. Viele Fragen, viel Träumerei, keine Antworten.« Es sind überaus aktuelle Fragen zu Rassismus, Sexismus, Religion. Der vielgestaltigen musikalischen Nichtidentität entspricht die lyrische Suche nach politisch-emanzipatorischen Identifikationsfiguren (wie Missy Elliott, der schwarzen HipHop-Feministin) auf der einen, der mehrheitsgesellschaftliche Hass auf alles Migrantische, Schwarze und Nichteindeutige auf der anderen Seite. Hynes zitiert die Dokumentation »Paris is Burning« über den ermordeten Transmenschen Venus Xtravaganza. Und er singt: »A thousand halos in the sky, but we’re far from heaven.« Ganz ohne sakralen Schwulst ist diese verweisstarke Platte nicht zu haben.

Blood Orange: »Freetown Sound« (Domino / Goodtogo)

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