Dem Krieg an der Mauer begegnen

»War On Wall«: Der Fotograf Kai Wiedenhöfer porträtiert an der East Side Gallery syrische Geflüchtete

  • Von Felix Koltermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist schon beeindruckend: auf 360 Metern hat der Berliner Dokumentarfotograf Kai Wiedenhöfer das zur Spree weisende Reststück der Berliner Mauer an der East Side Gallery in Friedrichshain mit Bildern aus dem Syrienkrieg bestückt. Riesige Panoramaaufnahmen von zerstörten Straßenzügen aus der lange umkämpften syrisch-kurdischen Stadt Kobanê wechseln sich ab mit Porträts von Opfern des Bürgerkriegs. Dazwischen finden sich mit privaten Aufnahmen eines Porträtstudios aus dem Kobanê der Zeit vor dem Bürgerkrieg auch Bilder einer heilen Welt: Menschen, die lächelnd in die Kamera schauen, in einem Studiosetting posieren und damit schmerzhaft aufzeigen, in welche Abgründe der Krieg das Land geführt hat.

Die Bilder der Ausstellung sind bei mehreren Aufenthalten Wiedenhöfers in der Region zwischen 2013 und 2015 entstanden. Zu Beginn bereiste er Flüchtlingslager in Jordanien und porträtierte dort die Opfer des Krieges. Dabei sind achtsame, zurückgenommene Bilder entstanden, die Wiedenhöfer mit ausführlichen Texten über das Schicksal der Porträtierten kombiniert.

Unter dem Titel »40 out of one million« wurde diese Serie weltweit publiziert, unter anderem auch in der deutschen Illustrierten »Stern«. Wiedenhöfer wollte damit die Dimension des Krieges und seine Folgen für die Zivilbevölkerung aufzeigen. Anfang 2015 reiste er dann nach Kobanê im Norden Syriens, um aufzuzeigen, in welch desaströsem Zustand die mehrmonatigen Kämpfe zwischen dem Islamischen Staat und den kurdischen Milizen die Stadt zurückgelassen haben.

Die Entscheidung, das Projekt an der Berliner Mauer zu installieren, anstatt in Museen oder klassische Ausstellungshallen zu gehen, hat laut Wiedenhöfer vor allem damit zu tun, dass viele Kuratoren und Veranstalter ihre Schwierigkeiten mit dem Thema haben. In der Tat ist es keine leicht konsumierbare Kost, die er präsentiert. Sie eignet sich nicht als Publikumsmagnet. Darüber hinaus gibt es für Kai Wiedenhöfer jedoch auch klare Vorteile einer Ausstellung im öffentlichen Raum: »Jeder kann hingehen, es ist sehr viel demokratischer und offener als eine Ausstellung in einer Galerie oder in einem Museum, wo meist die ›üblichen Verdächtigen‹ kommen; also Menschen, die an Kultur und Politik sowieso interessiert sind.« Bleibt zu hoffen, dass die Besucher der Ausstellung den Bildern auf der Mauer ähnlich ernsthaft und respektvoll begegnen, wie dies in musealen Räumen der Fall ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kai Wiedenhöfer die Mauer bespielt. Bereits vor drei Jahren plakatierte er am selben Ort Bilder seines Projekts »Wall On Wall«. Die Symbolik und die inhaltlichen Bezüge zwischen dem Ort und dem Gezeigten waren hier insofern wesentlich größer, als dass die Bilder Mauern und Grenzzäune weltweit zeigten.

Die Aufnahmen reichten von der Mauer in Israel/Palästina, der Grenzanlage zwischen dem türkischen und dem griechischen Zypern über den Grenzzaun zwischen den beiden Koreas hin zum US-amerikanischen Abschottungssystem an der mexikanischen Grenze. Wiedenhöfers Botschaft war unmissverständlich: Wenn es der Wunsch des Volkes ist, wie in der ehemaligen DDR, dann gehören Mauern der Geschichte an.

Auch bei »War On Wall« verfolgt Wiedenhöfer eine politische Agenda. So schreibt er in seinem Statement zur Ausstellung, dass die Bilder schockieren müssen, um den Betrachter in seiner behaglichen Komfortzone zu erreichen und Veränderung herbeiführen zu können. Er setzt dies praktisch um über eine von ihm angestoßene Spendenkampagne in Kooperation mit der Stern-Stiftung, über die er den von ihm porträtierten Kriegsversehrten medizinische Hilfe zukommen lässt. Damit ist wohl endgültig die Grenze zwischen Fotograf und Aktivist überschritten. Aber wer als Fotograf mit einer humanistischen Gesinnung den Horror des Krieges in Syrien erlebt hat, dem bleibt wohl kaum eine andere Handlungsoption.

Es ist genau diese humanistische Gesinnung, die perfekt zum Veranstalter und Organisator der Ausstellung passt: der Gesellschaft für Humanistische Fotografie (GFHF) aus Berlin, die seit vielen Jahren von Katharina Mouratidi geleitet wird. Für sie besticht die Ausstellung dadurch, dass sie jenseits der oft sensationslüsternen massenmedialen Berichterstattung dem Betrachter die Geflüchteten aus Syrien und deren Geschichten auf einer persönlichen Ebene nahebringt. Die GFHF hat auch das interessante Begleitprogramm aus Vorträgen und Podiumsdiskussionen auf die Beine gestellt. Finanziert wurde die Ausstellung neben öffentlichen Geldern vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, aber auch von der Heinrich-Böll-Stiftung, mehreren privaten Spendern sowie über eine Crowdfunding-Kampagne.

Bis 25. September. Auf der Projektwebseite www.waronwall.org sind die Bilder ebenfalls zugänglich. Unter dem Titel »Syrian Collateral« ist ein begleitender Katalog erschienen (Verlag Kettler, 25 €).

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