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Gottes furchtbare Ideologen

»Kuffar. Die Gottesleugner« von Nuran David Calis am Deutschen Theater Berlin

Wellen machen immer dasselbe. Sie sind ausrechenbar. Man kann ganz einfach unter ihnen hindurch tauchen. Genauso wie die Wellen ist der Staat: dumm, weil vorhersehbar in seinen Reaktionen. Oder wie Gott, der auch immer einen Plan hat mit uns. Aber Gott ist tot, es gibt ihn nicht. Das ist die Weltsicht von linken Intellektuellen in der Türkei um 1980, vor dem Militärputsch. Intellektuelle, die ihren Marx und Nietzsche gelesen haben und mit Staatsgründer Atatürks säkularen Grundsätzen (Trennung von Staat und Religion) auf fraglose Weise einverstanden waren.

Das sind auch die Mythen der Elterngeneration, mit den Hakan aufwächst. Er hört von den brutalen Verhören und den nächtlichen Überfällen, bei denen einfache Menschen gezwungen wurden, ihre Nachbarn zu foltern: Füße brechen, Nasen zerstechen. Sie sollten nicht mehr auf die Straße gehen können. Die erste Generation von Flüchtlingen aus der Türkei waren in den 80er Jahren kritische Intellektuelle, schließlich froh darüber, dass sie sich rechtzeitig vor der Gewalt in den Westen retten und ihre Kinder in Deutschland in Sicherheit aufwachsen sahen. Einverstanden waren sie mit der westlichen Demokratie. Hakans Vater arbeitete für die Gewerkschaft und als Übersetzer, schrieb in kleinen Blättern über Fragen der Arbeitswelt, die Mutter fand eine Stelle als Tanzlehrerin bei der Volkshochschule. Und Hakan selbst war ein guter Schüler, studierte Medizin und wurde Arzt. Eine Erfolgsgeschichte?

Nuran David Calis, der türkisch-armenisch-deutsche Regisseur nimmt sich Zeit, die Geschichte von Hakan zu erzählen. Calis gehört zu den wichtigsten Regisseuren seiner Generation. Am Schauspiel Leipzig inszenierte er zuletzt einen fulminanten »Baal«, am Residenztheater in München Werfels »40 Tage des Musa Dagh«, in Köln ein Stück über die NSU-Morde. Und nun jener selbst geschriebene Text über Hakan, der sich eines Tages Abu Ibrahim nennt und einen radikal-islamischen Blog im Internet betreibt. Wie kam es dazu? Der Arzt verlor im Krankenhaus seine Stellung, weil er unerlaubt ausrangierte Geräte nach Syrien schickte. Aber das allein kann es auch nicht sein.

Und so begibt sich Calis auf die minutiöse Spurensuche im Seelenleben eines Mittdreißigers, der in Deutschland geboren wurde, der zwischen die Generationen geriet, auch zwischen die Kulturen - und nun den Weg eines Extremisten geht, im Glauben, dies führe zu seinen Wurzeln. Es sind jene religiösen Wurzeln, die für die Eltern, die sich dem Westen anpassten, ohnehin nie wichtig waren - in seinen Augen ist das Verrat, an Allah und an Mohammed, seinem Propheten.

»Bis ich sechzehn war, wusste ich nicht, dass ich Moslem bin.« Doch nun will er nicht nur wissen, sondern vor allem es andere wissen lassen. Er missioniert auf militanteste Weise, er liebt seinen Gott und hasst die Ungläubigen, die in seinen Augen alle in die Hölle kommen werden, auch die angesichts dieses plötzlichen Fanatismus ratlosen Eltern.

Es ist nicht nur ein hochaktuelles Thema, dem sich Calis in seinem Stück zuwendet, es ist auch eine außerordentliche Inszenierung an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin geworden. Es ist die Rolle des Christoph Franken, auf die er an diesem Hause seit Jahren gewartet hat! Hier nun kann er einen Menschen zeigen, der im Religiösen den höchsten Sinn des Lebens findet und sich selbst darüber verloren geht - alle menschlichen Regungen, soweit sie sich nicht auf eine strenge Islamauslegung beziehen, verbietet er sich und anderen. Der Dschihad ist der Sinn des Lebens, ihm folgt das Kalifat, der Gottesstaat! Franken zeigt die Übergänge der Biographie: den noch Suchenden, vom Westen Enttäuschten, den Verletzlichen, der daran zweifelt, dass seine Eltern (stark in aller reflektierten Zurückhaltung: Harald Baumgartner und Almut Zilcher), die richtigen Lebensentscheidungen trafen. Im zeitlichen Gegenschnitt sehen wir die Eltern dann 1980 als junge kritische Intellektuelle im Widerstand gegen eine diktatorische Macht. Ismael Deniz und Vidina Popow sind diese beiden phantasiebegabten jungen Visionäre, die ihr Sohn nun so verachtet. Eine beklemmende Szenerie.

Doch Hakan radikalisiert sich weiter, wandelt sich zu einem herrschsüchtigen Ideologen, der abstrakte Regeln über alles setzt, der nicht mehr sucht, sondern bloß noch verkündet, mit Strafe droht und schließlich sogar den Märtyrertod als höchsten Sinn preist. Und die Eltern fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Hätten sie das Gottesthema nicht aufgeben dürfen? Aber das ist in den Augen des Vaters eine voraufklärerische Frage, man kann nicht hinter die Wissenschaft zurückgehen. Doch einen persönlichen Gott haben auch die Christen, die zu Jesus Christus beten. Aber diese sind in den Augen von Hakan schwach und außerdem sei Mohammed der einzig wahre Prophet. Jesus wurde gekreuzigt (was für ein elender Tod für einen Gottessohn!), aber Mohammed war erfolgreich, er siegte gegen seine Feinde! Wenn Moses und Jesus wie BMW und Mercedes sind, so ist Mohammed wie Ferrari. Jeder will doch einen Ferrari fahren, du kannst es, es ist ganz einfach! So plump agitiert Abu Ibrahim nun auf seinem Islamisten-Blog, es ist purer Schwachsinn, aber immer mehr folgen diesen Losungen.

Im Laufe des Abends wird klar, dass ein geschlossenes religiöses Weltbild sich von allem und jedem nur immer bestätigt sieht, egal, was man dagegen einwendet. Toleranz ist Schwäche, stark ist, wer im Namen Gottes siegt! Das war im 13. Jahrhundert auch die Ideologie des Christentums, das die Ungläubigen (Moslems vor allem) per Kreuzzug besiegen und töten wollte. Sogar einen Kinderkreuzzug gab es, von dem sich Papst Innozenz III. tief beeindruckt zeigte: »Diese Kinder machen es uns vor!«, rief er ergriffen. Es war das Zeitalter der Glaubenskriege, die von Humanismus und Aufklärung in einem langen mühsamen Prozess schließlich überwunden wurden.

Doch wie Hakans Beispiel zeigt, nicht für alle Zeiten. Die Gottesfrage gärt dort am stärksten, wo man sich seiner Identität unsicher ist, man nach einen höheren Sinn im Leben als Geld und Konsum verlangt, inmitten einer westlichen Gegenwart, von der sich junge Männer gedemütigt fühlen. Dass man sich nicht nur einen kriegerischen, sondern einen jeden Menschen liebenden Gott vorstellen kann, scheint für diese jungen Gotteskrieger offenbar kein Argument. Hakan zu seinen Eltern: »Ihr sucht die Freiheit. Ich suche die Wahrheit.« Dass diese Wahrheit jedoch schwierig und komplex ist, will er nicht hören. Er ist im Zustand der Empörung. Was interessiert es diese Hasser, die nach einem Führer verlangen, dass Goethe mit seinem Pantheismus (Spinoza nachfolgend) Gott auch in der Natur, in den Dingen selbst erkannte, damit Brücken zwischen den Weltbildern schlug! Aber uns anderen sollte es doch wieder verstärkt interessieren. Denn auch ein Atheismus muss sich zur Gottesfrage, die seit Moses unsere Kultur mitprägte, auf intelligente Weise verhalten. Welche Werte wollen wir auf welche Weise gegen wen verteidigen und mit wem teilen?

Ein Thema, das drängend bleibt: Wie sollen wir leben, in welchem Geist? Calis’ »Kuffar. Die Gottesleugner« ist ein wichtiger Beitrag nicht bloß zur notwendigen philosophisch-religiösen Diskussion, sondern er setzt auch dadurch ästhetische Maßstäbe, dass er diese Frage mit einer unerhörten Intensität auf die Bühne zu stellen vermag. Christoph Franken sei Dank!

Nächste Vorstellungen: 27. Dezember; 3., 15., 22. Januar

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