Grüße aus Glühwein-City

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

Die aktuelle Woche verlangt nach der alten, mit schwarzem Fell überzogenen Schapka. Vielleicht meinte Eva deshalb, wir sollten eine Szenehüpfburg besuchen, irgendeine Ausstellung. Das haben wir doch schon geübt, zum Beispiel diese Fotoshow war ganz hübsch, von einem, der David Bowie, Freddie Mercury und sonstige Sterne der Siebziger fotografiert hatte. Und jetzt, zum ersten Todestag von Bowie, gibt es dazu wieder das Berliner Allerlei, passend zu meiner Schapka in unserer Winterlandschaft.

Mich interessierte das nicht, ich war schon so oft mit der Schapka unterwegs gewesen. Während meiner Kindheit hatte ich eine mit schwarz-braunen Fellohren und einer ebenso farbigen Schädeldecke aus Leder, an der ich herumknabberte, weil ich nicht ständig einen Füllfederhalter oder Bleistift zur Hand hatte. Als der helle Leinenstoff zu Tage kam, meckerte mein Vater; damals, als er noch erziehungsberechtigt und am lustigen Leben gewesen war. Gott mit ihm!

Von Bowie wiederum hatte ich immerhin einige Lieder auf Kassette und gruselte mich zu seinen »Helden« vor den Kindern vom Bahnhof Zoo. Während der 750-Jahrfeier Berlins jubelten einige Hundert Leute in die Richtung des Reichstags, wo Bowie ein Konzert gab, das wir von der Straße Unter den Linden aus verfolgten. 1987 in Mitte, ja ja. David war ein toller Typ, alle meine Schapkas hätten in sein »Ashes-To-Ashes«-Video gepasst, das für mich den Beginn der Clip Culture darstellte. Noch heute besitze ich den »Sound and Vision«-Zauber auf der zusammengeschnittenen Kassette.

Jedenfalls meinte Eva, meine schwarze Russenmütze müsse mal wieder an die frische Luft, auch als Kontrast zur deutschen Wintermärchenstadtlandschaft. Dieser Tage gebe es bei vielen Ausstellungen auch wieder Glühwein. Mit meiner Katze auf dem Kopf würden mich die anderen Besucher bestimmt als berühmt einordnen. Ja, das konnte ich mir vorstellen, denn bei der damaligen Ausstellung nahm ich trotz der Lappen, die mir weitestgehend die Ohren zuhielten, zur Kenntnis, wie sich einige Freaks zuraunten: Kiek mal, der Iwan da!

Zum Glück kam bald der lustige Lockenkopf mit dem aufgeregten Kamerateam herbeigeeilt. Das war der besagte Fotograf, der Stern ohne Gehabe: Mick Rock, oder auch Mick The Click. Er plauderte mit einem Moderator, sie zelebrierten eine englischsprachige Performance, doch Eva und ich gaben uns kaum Mühe, möglichst viel zu verstehen. Das einzige deutsche Wort des Bühnenpärchens lautete »Glühwein« und hielt als wiederkehrender Witz her. Es war ein schöner Abend, der sich locker wiederholen lässt.

Ja, sagte ich zu Eva, wir müssen zurück auf den Kulturtrip, aber dieser Tage bin ich zu verschnupft. Ich muss erst gesund und fröhlich werden, und die Schapka trage ich frühestens am Sonntagvormittag spazieren, in Friedrichsfelde, da gibt es auch Glühwein.

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