Riecht nach Jungsumkleideraum

Nichts ist so alt wie die Popmusik von gestern. Oder die von vorgestern. Was einmal »Grunge« hieß und vor nahezu 30 Jahren, je nach Blickwinkel, als letztes Zucken bzw. Wiedergeburt des Punkrock wahrgenommen wurde, war tatsächlich nur ein Haufen spätadoleszenter jammernder Heulsusenmänner mit elektrisch verstärkten Gitarren, wie wir heute wissen.

Die Gruppe um die charismatischste Heulsuse, den Sänger Kurt Cobain, hieß Nirvana. Das war eine Noise-Rockgruppe, die seinerzeit nicht wenig Aufsehen erregte: Zu rohem Gitarrengeknatter wurde allerlei Wütend-Verzweifeltes dahergesungen, und dabei wurde auf der Bühne standesgemäß das Equipment zusammengehauen, dass es nur so seine Art hatte.

Damit rettete die Band, ohne es zu bemerken, die stagnierende Rockmusikindustrie und zog in der Folge viele Fans an, auf die sie lieber verzichtet hätte.

Kurt Cobain, der am Montag seinen 50. Geburtstag gefeiert hätte, ist nun seit fast 23 Jahren tot. Doch im gegenwärtigen Zeitalter der »Retromania« (Simon Reynolds), also der Ära des permanenten Recyclings kulturindustrieller Artefakte und des permanenten Missbrauchs dieser Artefakte für Reklamezwecke, ist Nirvana, nicht anders als die Rolling Stones, Elton John und Michael Jackson, überall: Ihre Songs dudeln nicht nur aus den Dudelfunkgeräten, sondern auch aus den Supersonderangebotslautsprechern der Supermärkte und Shopping Malls. Und das hat doch was: »Smells Like Teen Spirit« zu hören, während man Öko-Reiswaffeln und eine Großpackung Windeln in den Einkaufswagen legt. tbl

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