Kapitalistische Volksentspannung

Freitags Wochentipp: Die Doku »Schlagerland« schaut hinter die Kulissen der Schlager-Branche

In den USA gibt es keinen Terror von Immigranten, und dennoch wird Immigration wegen der angeblich von ihr ausgehenden Terrorgefahr verboten. In England ist Geheimnisverrat vor allem eine Staatsangelegenheit, aber künftig sollen besonders Journalisten dafür bestraft werden. In Deutschland wird die Presse mit dem Präfix »Lügen-« versehen, in Polen praktisch gleichgeschaltet, der Journalismus kämpft in einem zusehends irren System um sein Dasein. Wie schön war es da, Maybrit Illner am Donnerstag kurz vor »Lanz« eine Lanze für die Meinungsfreiheit brechen zu sehen. Mit so viel Verve wurde schon länger nicht mehr getalkt.

Das war auch bitter nötig, nachdem die zwischendurch scheinbar geläuterte »Bild«-Zeitung wie zu Diekmanns Zeiten einen »Mob« »arabisch aussehender Männer« gesehen haben will, der Frauen durch eine belebte Frankfurter Shoppingzone gejagt haben soll - was sich bei genauerer Betrachtung als Lüge ganzer zwei (im Zahlen: 2) Zeugen erwies, wie das Springer-Blatt kleinlaut einräumen musste. Gegen derlei Fake-News wirkt der zwischendurch scheinbar geläuterte »Playboy«, der nach einem wirtschaftlich desaströsen Jahr ohne Tittenbilder wieder auf »Erotik« statt Text umschalten will, fast schon seriös.

Es geht halt überall um Aufmerksamkeit, den Brennstoff der modernen Mediengesellschaft. Aufmerksamkeit ist auch der Sprit eines anderen Genres: Schlager. Die Hochkultur ist da rasch mit pauschalem Naserümpfen zur Stelle. Was sie allerdings gern versäumt: mit aufrichtiger Neugier hinter die Kulissen der Branche zu sehen. Arne Birkenstock hat es getan. Seine Dokumentation »Schlagerland« (22.2.) ist ein ebenso kluges wie leichtes Sittengemälde eines Mikrokosmos, den man nur von innen heraus leidlich versteht. Dafür hat sich der Autor nicht nur an die Fersen des 72-jährigen Bühnenworkaholics Jürgen Drews oder der halb so alten Glamourschablone Helene Fischer geheftet, sondern auch Hersteller, Fans, Profiteure und ein Sternchen namens Franziska Wiese unter die Lupe genommen.

Am Beispiel der unbekannten Geigerin mit Engelsstimme und Traumkörper zeigt die Doku, dass der kapitalistisch geformte BRD-Schlager ganz ähnlich gesteuert wird wie einst der staatlich dekretierte DDR-Schlager, für den im Film Systemwechselüberlebende wie Ute Freudenberg und Frank Schöbel Pate stehen. Während vor 1989 die Partei darüber befand, wie sozialistische Volksentspannung klingt, lässt der Markt heute künstlerischer Kreativität viele Entfaltungsmöglichkeiten. Die süße Franziska jedenfalls, das zeigt »Schlagerland« sehr eindrücklich, wurde, nach eher zögerlichem Karrierestart, radikal umprogrammiert und fand dann mit neuer Haarfarbe, Bekleidung und Stimme und viel PR von Florian Silbereisen in die Erfolgsspur eines kalt berechnenden Gewerbes, das sein Publikum spürbar glücklich macht. Diesen Widerspruch verständlich gemacht zu haben ist Arne Birkenstocks Verdienst. Ein sehr sehenswerter Film.

ARD, 22.2., 23 Uhr

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