Außenseiter im eigenen Land

Co-Gastgeber Frankreich startet in die Eishockey-WM - in Paris, das nicht mal einen eigenen Profiklub hat

Ja, er lebt noch! 1963 wurde der Elysée-Vertrag unterzeichnet. Mit Bezug auf diesen Freundschaftsvertrag haben sich Frankreich und Deutschland 2013 anlässlich seines 50. Jubiläums gemeinsam um die Ausrichtung der Eishockeyweltmeisterschaft beworben. Mit Erfolg - seit Freitag läuft in Köln und Paris die 81. WM. Die Franzosen lieferten dem Turnier die Maskottchen - Asterix und Obelix. Im Gegenzug durften die Deutschen die offizielle Hymne liefern: ein Hands-Up-Liedchen einer Bonner Band namens Cascada.

Doch genau wie im Fußball hat auch hier am Ende Deutschland gewonnen: In Köln werden die wichtigsten Partien ausgespielt - die Halbfinals, das Endspiel sowie das Match um den dritten Platz. In Paris dürfen sich die Zuschauer im Sportpalast Bercy an Kanada, Belarus, Tschechien und der heimischen Mannschaft erfreuen. Anders als in Handball oder Fußball liefern »Les Bleus« auf dem Eis keine besonders gute Show ab. Das Team liegt zur Zeit auf dem 14. Rang der sogenannten Top-Division der besten Nationalmannschaften, gefolgt von den Schlusslichtern Slowenien und Italien. Die Spielstärke der französischen Meisterschaft »Ligue Magnus« entspricht in etwa der zweiten deutschen Liga DEL2.

Die WM-Stadt Paris hat nicht mal eine eigene Profimannschaft. Die erfolgreichsten Vereine stammen entweder aus Städten in den Bergen (z.B. Grenoble) oder aus der Ebene (Rouen). Eishockey gilt als Provinzsport pur, in einem Zentralstaat wie Frankreich bedeutet dies einen gravierenden finanziellen Nachteil. Der durchschnittliche Etat der Klubs in der Ligue Magnus beträgt 1,2 Million Euro. In der DEL liegt diese Summe bei 7,2 Millionen Euro. Das höchste Budget beträgt in der Ligue Magnus 2,8 Millionen Euro, die »Brûleurs de Loups de Grenoble« liegen damit noch unter dem Etat der Fishtown Pinguins aus Bremerhaven, die mit 3,5 Millionen Euro der »ärmste« Klub der DEL sind.

Für französische Profis ist es schwierig, vom Eishockey den Lebensunterhalt zu bestreiten. Und spielt man unterklassig, ist es unmöglich. Der ehemalige Nationalspieler Gabriel Da Costa beschrieb es 2014 gegenüber der Regionalzeitung »Le Parisien«, als er die letzte Saison seiner Profikarriere in der zweiten französischen Liga ausklingen ließ: »Es gibt Monate, in denen kein Lohn gezahlt wird (manche Spieler haben nur Neun- oder Zehn-Monats-Verträge, Anm. d. Red.), in denen ich zurechtkommen muss. Ich war Verkäufer in einem Eishockeyartikel-Laden und sogar Blumenhändler!«, sagt der Familienvater, der sich in Neuilly-sur-Marne mit dem französischen Mindestlohn von 1200 Euro monatlich zufrieden gab. Sein jüngerer Bruder Stéphane verdiente in jener Zeit deutlich besser: Er kam bei den Ottawa Senators in Kanada auf 800 000 Dollar pro Jahr. Er wird bei der WM für »Les Bleus« auflaufen.

Die beste Lösung heißt also auswandern, am besten in die legendäre nordamerikanische NHL. Unter denen, die im WM-Aufgebot stehen, gilt das allerdings nur für Flügelspieler Antoine Roussel (Dallas Stars) und Torjäger Pierre-Édouard Bellemare (Philadelphia Flyers). Die Gastgeber hoffen auf die legendäre Figur des französischen Eishockeys: Cristobal Huet, 41, heute Torwart in der Schweiz beim Lausanne HC. Huet ist der einzige Franzose, der je die NHL-Siegtrophäe Stanley Cup in die Luft strecken durfte - 2010 gewann er die Nordamerikameisterschaft mit den Chicago Blackhawks.

2017 spielt er in seiner Heimat seine dreizehnte und letzte WM. Er will der Mannschaft vor allem mit seiner Erfahrung helfen: »Klar haben wir nicht das stärkste Team, unsere Platzierung in der Weltrangliste zeigt es«, sagte er vor einer Woche in einem Interview und verwies dabei auf den ehemaligen Nationaltrainer Philippe Bozon »und all die anderen, die vor uns für die Mannschaft spielten. Von ihnen haben wir etwas Grundlegendes gelernt: immer hart zu arbeiten und stets eine gute Stimmung im Team zu haben.«

Die Franzosen werden wohl kaum das Turnier gewinnen, womöglich wird es schon in der Vorrunde sehr schwer. Sollte aber die Weltmeisterschaft in Frankreich hinsichtlich der Zuschauerzahlen und Einschaltquoten ein Erfolg werden, würden auch die Eishockeyklubs des Landes zu den Gewinnern zählen: Sie könnten künftig ein Stück vom Scheinwerferlicht abbekommen.

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