Boykott-Aufruf unerwünscht

Rohstoffkonzern Glencore lässt konzernkritische Pressemitteilung löschen

Das Unternehmen Glencore Xstrata International plc ist vor allem Fachleuten ein Begriff, dabei handelt es sich um einen Giganten im Rohstoffbereich. Gegründet 1974, mutierte Glencore zum weltgrößten Händler von Industriemetallen, Erdöl und Kohle sowie agrarischen Rohstoffen. Auch bei Förderung und Verarbeitung ist der Konzern mit Sitz im beschaulichen Schweizer Steuerparadies Zug längst ein wichtiger Player. Übernahmen oder Beteiligungen an Minen und Rohstofffirmen sorgen für weitere Expansion. Vergangenes Jahr kam eine Beteiligung am staatlich kontrollierten russischen Ölkonzern Rosneft hinzu, aktuell wirft man ein Auge auf den US-Agrarriesen Bunge. Die erdumspannenden Ansprüche verdeutlicht die Tatsache, dass die Aktie von Glencore an den Börsen in London, Hongkong und Johannesburg gehandelt wird.

Mutig, wer sich mit einem so kapitalstarken Gegner anlegt. Vor allem entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisationen (NGOs) werfen Glencore dennoch immer wieder Menschrechtsverstöße und Umweltzerstörungen, aber auch antigewerkschaftliche Einstellungen, Korruption und Steuermanipulation vor. 2008 erhielt der Konzern in der Schweiz den Schmähpreis »Public Eye Award« für »unverantwortliche und intransparente Geschäftspraktiken in Kolumbien«. Hier hält Glencore Anteile an Kohleminen, welche »wegen massiver Umweltverschmutzung sowie Gefährdung der Gesundheit der lokalen Bevölkerung« kritisiert wurden.

Negative Öffentlichkeit kann der Konzern aber offenbar nicht leiden. Immer wieder geht man gegen NGOs vor, was selbst in der Konzernwelt nicht mehr üblich ist. Neben Public Eye und Brot für Alle geriet in der Schweiz auch die NGO Multiwatch ins Visier. Unmittelbar vor der Veröffentlichung eines Buches im Mai 2014 sorgte Glencore dafür, dass der Titel geändert werden musste.

Nun trifft es die deutsche Menschenrechtsorganisation Facing Finance, die Mitte Mai eine Studie vorlegte, die sich mit »fragwürdigen Unternehmenstätigkeiten« von Glencore und der Verantwortung der Finanzbranche beschäftigt. In einer Pressemitteilung rief Facing Finance gemeinsam mit dem katholischen Hilfswerk Misereor deutsche Banken dazu auf, Konzerne, denen Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und Gesundheitsgefährdung nachgewiesen werden, nicht zu finanzieren, und verwies auf Norwegens größten Lebensversicherer KLP, der angekündigt hatte, Anteile an Glencore zu verkaufen.

Einige Tage später flatterte ein Einschreiben des Konzerns mit der Aufforderung herein, »rechtswidrige Boykott-Aufrufe« und eine »pauschale und haltlose Diskreditierung« des Konzerns zu unterlassen, die auch vom Schweizer Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb untersagt werde. Die Diskreditierung sei geeignet, »unserem Unternehmen ganz erheblichen Schaden zuzufügen, für den Sie aufzukommen hätten«. Glencore forderte die Löschung der Mitteilung aus dem Internet.

Dieser Aufforderung ist Facing Finance nachgekommen, wie die NGO am Dienstag mitteilte. »Als gemeinnützige Nichtregierungsorganisation können wir uns schlicht einen langwierigen und teuren Prozess mit Glencore nicht leisten«, sagt der geschäftsführende Vorstand Thomas Küchenmeister. Den Vorwurf der »pauschalen und haltlosen Diskreditierung« weist er indes zurück. Es gebe umfangreiche, kritische Medienberichte und aktuelle, größtenteils sehr negative Nachhaltigkeitsbewertungen renommierter Ratingagenturen. Allein in Argentinien und Kolumbien seien derzeit 26 Verfahren im Zusammenhang mit Minenprojekten von Glencore anhängig.

Facing Finance und Misereor luden den Konzern zu einem Gespräch ein. Glencore zeigte sich gesprächsbereit.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal