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Keine Ermutigung

Personalie

  • Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 2 Min.

Nichts könnte Martin Schulz dringender gebrauchen als Ermutigung. Wenigstens aus den eigenen Reihen. Tapfer wühlt sich der sozialdemokratische Spitzenkandidat durch den Bundestagswahlkampf, aber der Funke springt nicht auf die Umfragen über.

Da meldet sich ein längst verflossener Amtsvorgänger des SPD-Vorsitzenden zu Wort und erklärt faktisch, warum es wohl nichts wird mit einem Erfolg seiner Genossen. Björn Engholm, von 1991 bis 1993 oberster Sozialdemokrat, machte nun in einem Interview die Agenda 2010 für das Dauertief seiner Partei verantwortlich. Keine neue Erkenntnis, aber eine dauerhaft schmerzliche. Bis zu neun Prozent Stammwähler habe das gekostet, die nur sehr schwer zurückzuholen seien. Engholm erlebte die fatalen Auswirkungen von Hartz IV in seiner schleswig-holsteinischen Heimat bei Werftenpleiten aus nächster Nähe.

Da war er schon nicht mehr in Amt und Würden. Anfang der 90er war er - Charmebolzen, Feingeist, Hanseat - die große Hoffnung der SPD. Er hatte den konservativen Nordwesten für die SPD erobert und war dazu ausersehen, der Kohl-CDU endlich auch das Kanzleramt zu entreißen. Doch dann wurden ihm die Nachwehen der Barschel-Affäre zum Verhängnis. Jenes Mega-Skandals, bei dem CDU-Primus Uwe Barschel die Konkurrenz observieren und demontieren ließ. Das Ende: ein toter Barschel, ein grandioser Engholm-Sieg in Kiel - und 1993 sein Rücktritt von allen Ämtern, weil er von der Sache mehr gewusst hatte, als er vor einem Untersuchungsausschuss einräumte.

Dass Schulz der elfte Parteichef seit Engholm ist - innerhalb von 24 Jahren -, erzählt viel darüber, wie es die SPD durchgerüttelt hat. Woran sie selbst aktiv beteiligt war. An den schwersten Klotz am sozialdemokratischen Bein, die Agenda 2010, hat der 77-jährige Engholm wieder einmal erinnert. Einen Trost für Martin Schulz hat er aber doch: Er glaube, so Engholm, dass die SPD noch 30 Prozent erreichen kann. Das müssen nun nur noch die Wähler kapieren.

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