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Ikone der Buchkultur

Neslihan Asutay-Effenberger und Arne Effenberger entführen nach Byzanz

Die lange Zeit wichtigste Kultur des Mittelalters war Byzanz. Die Völkerwanderung hatte das Ende des (west-)römischen Reiches beschleunigt. Mit der Erhebung des Christentums zur staatstragenden Religion bildete sich um die neue Metropole Konstantinopel ein Reich mit einer über 1000-jährigen Geschichte. In seiner Blütezeit beherrschte es fast alle Länder am Mittelmeer und reichte im Osten bis zu den Ufern von Euphrat und Tigris. Hier entwickelte sich die Orthodoxie als Gegenspielerin der päpstlichen katholischen Welt im Westen. Hier sprach man Griechisch, nicht Latein. Hier entwickelte sich eine eigene Kunst.

Neslihan Asutay- Effenberger/Arne Effenberger: Byzanz. Weltreich der Kunst.
C. H. Beck, 427 S., geb., 49,95 €.

»Anders als wir heute sahen die Byzantiner ihre Kunst nicht nur als schönen Schein. Die Bilder und Bauten waren Teil des politischen Lebens, und man sah sie mit den Augen des Glaubens: die himmlisch entrückten Mosaiken, die Ikonen, welche persönliche Nähe stifteten, die Kirchenräume, die ein sinnlich mystisches Erlebnis bereiteten«, bemerken Neslihan Asutay-Effenberger und Arne Effenberger. Ihr vorbildlich edierter, reich illustrierter Leinenband ist seit Jahrzehnten die erste deutschsprachige Gesamtdarstellung der byzantinischen Kunst.

Die sieben chronologischen, meist nach Dynastien gegliederteb Kapitel beginnen mit einer knappen Zusammenfassung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung des Reiches. Sodann werden kenntnisreich ausgewählte Objekte der Kunst vorgestellt, deren Entstehungsbedingungen und stilistische Besonderheiten erläutert. Das Buch schließt zwei Lücken der Geschichtsschreibung: 1. Zwischen dem Ende des römischen Kaiserreichs und dem Reich Karls des Großen fehlt im historischen Bewusstsein des Westens eine Brücke von mehreren Hundert Jahren. Byzanz überbrückte die Zeit zwischen der klassischen Antike und dem Mittelalter. 2. Der prächtige Band bezeugt den vielfach vergessenen Einfluss von Byzanz auf die westliche Kultur und lässt eine fließende historische Entwicklung im östlichen Mittelmeerraum lebendig werden, die optisch eindrucksvoll nachgezeichnet wird.

Die Autoren sind beste Kenner dieser vernachlässigten Epoche eines immer nur am Rande wahrgenommenen historischen Raumes: Neslihan Asutay-Effenberger ist Professorin für Byzantinische Kunst und Archäologie sowie Türkisch-Islamische Kunst an der Ruhr-Universität Bochum und lehrt an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Arne Effenberger ist Dozent für Byzantinische Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. Von 1973 bis 2007 leitete er die Sammlung byzantinischer Kunst im Berliner Bode-Museum.

Das Autoren-Duo setzt kunstgeschichtliche Großereignisse in den Mittelpunkt seiner Betrachtung, so den 532 begonnenen Bau der Hagia Sophia und die etwa auch zu dieser Zeit einsetzende christliche Bildkultur der Ikone. Das »heilige Personal« und dessen Verehrung führten im 8. und 9. Jahrhundert zu einem mit religiöser Inbrunst geführten Bilderstreit.

In der Architektur entwickelte sich die Kreuzkuppelkirche. Einen schweren Einbruch verursachten die päpstlich geförderten Kreuzzüge, die auf dem Landweg über Konstantinopel nach Palästina führten oder auch - wie im »Jahr der Katastrophe« von 1204 - in Konstantinopel stecken blieben. Die »frommen« Kreuzritter raubten die byzantinischen Reichtümer, verschleppten sie egoistisch in ihre Heimat. Heute finden sich solche Beutestücke unter anderem in Limburg an der Lahn und in Halberstadt sowie in ganz Westeuropa. Die siegreichen Kreuzzügler installierten das »lateinische Interregnum«, das bis ins Jahr 1261 dauerte. In dieser Zeit wurde in der Hagia Sophia der Gottesdienst nach lateinischem, katholischem Ritus abgehalten. All das hatte hier nachlesbare und dokumentierte Auswirkungen auf Kunst und Kultur.

Die Autoren berichten vom Siegeszug des Islam im Mittelmeerraum. Die türkischen Osmanen bedrängten das byzantinische Kaiserreich immer stärker. Am 29. Mai 1453 eroberte der erst 23-jährige Sultan Mehmet II. Konstantinopel und beendete die lange Geschichte eines inzwischen geschrumpften Weltreichs.

Handel und Kultur hatten Byzanz stets eng mit dem Westen Europas verbunden, besonders mit Venedig. Aber auch mit den Völkern des Vorderen Orients. Der kulturelle Einfluss auf die slawische Welt wirkt bis heute in deren Schrift und Religion fort.

Die schöne Überblicksdarstellung einer unermesslich reichen Kunst und Kultur lädt zu einer spannenden, erkenntnisreichen und unterhaltsamen Entdeckungsreise in eine großteils unbekannte Welt ein. Die kostbare Gestaltung des Bandes erhebt diesen selbst zu einer Ikone der Buchkultur. Ein vorzügliches Geschenk für Weihnachten.

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