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Geschichte von unten

Das Theater Vajswerk erinnerte mit »Der Tisch« von Ida Fink an die ermordeten Juden Europas

  • Von Mathis Eckelmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Ort in Polen, Anfang der 1940er Jahre - Juden und Jüdinnen sind angehalten, sich auf dem Marktplatz zu versammeln. Die Arbeitsfähigen werden zu einer Seite geschickt, sie bekommen eine Gnadenfrist. Alle anderen gehen direkt in den Tod. 1200 Menschen fallen den Selektionen zum Opfer. Der Schnee auf den Straßen der Stadt, so berichtet eine Überlebende, war an diesem Tag rot vom Blut. Die Geschichte ist fiktiv, aber sie ist dennoch wahr. Die Stadt braucht keinen Namen und das Geschehen kein genaues Datum, weil das, was geschildert wird, unter der Herrschaft der Deutschen Alltag war.

Das Theater Vajswerk inszenierte die Erzählung aus der Feder der polnisch-jüdischen Autorin Ida Fink am vergangenen Wochenende im Haus der Wannsee-Konferenz. An dem Ort, an dem am 20. Januar 1942, genau 76 Jahre zuvor, die »Endlösung der Judenfrage« geplant wurde.

Das Stück ist gleichzeitig ein Gang durch die Ausstellung. Das Publikum ist umgeben von Verweisen auf den nationalsozialistischen Massenmord. An diesem Ort lässt Regisseur Christian Tietz in erster Linie die Opfer sprechen. Der inszenierte Gerichtsprozess konzentriert sich auf deren Aussagen; nur an wenigen Stellen finden Nachfragen der Staatsanwaltschaft Eingang. Der Tisch - stand er dort oder hier? Gab es ihn überhaupt? Standen oder saßen die Männer der Gestapo während der Selektion? Wie viele waren es und wer hat geschossen? Die Fragen nach den Einzelheiten der 25 Jahre zurückliegenden Ereignisse werden zunehmend absurd und werden nicht abschließend geklärt. Die Aussagen der Zeuginnen und Zeugen weichen mitunter stark voneinander ab.

Das Stück thematisiert die Rolle der Zeugen und die Schwierigkeiten des Erzählens. So scheinen die Protagonisten in die Ecke gedrängt, nicht nur angesichts der Fragen, sondern ebenso der Ungeheuerlichkeit des Erlebten. Aus ihren Berichten spricht die verzweifelte Suche nach Worten um etwas Unbegreifliches fassbar zu machen. Diese Dimension ist es, die Ida Finks Vorlage auszeichnet. Und dies nachvollziehbar zu machen, ist eine beeindruckende Leistung der vier beteiligten Schauspieler Laura Mitzkus, Isabella Szendzielorz, Tim Mackenbrock und Charles Toulouse.

Das diese eigens für das Stück engagiert wurden, ist etwas Neues für das Theaterprojekt. Darsteller sind meistens Schüler, Geflüchtete oder die Betroffenen selbst. Das 2015 entstandene Projekt Vajswerk versteht sich als biografisches Recherchetheater, versucht, Geschichte von unten auf die Bühne zu bringen. »Man vertritt die Menschen«, formuliert es Leiter Christian Tietz. In einem vergangenen Stück etwa erzählten Geflüchtete von ihrer Lebensgeschichte. Aktuell arbeitet Vajswerk an einem Projekt zum Leben Tamara Bunkes. Dieses Wochenende ist, zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, das Stück »Das Tagebuch des János Reisz, 1467 Kn.« zu sehen. Als Vorlage hierfür dienten die Aufzeichnungen eines 11-Jährigen, der das KZ Bergen Belsen überlebte.

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