- Kultur
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Aufpasser
Klaus Dörr soll Chris Dercon an der Volksbühne auf die Finger schauen
Fünf Jahre ist es her, da strahlte Arte in der Reihe »Durch die Nacht mit ...« erstmals eine Folge aus, in der Matthias Lilienthal und Chris Dercon durch London flanieren. Ein Satz von Dercon, der seit 2017 die Berliner Volksbühne leitet, ist in Erinnerung geblieben. Er, der damals noch Museumsdirektor in der britischen Hauptstadt war, bezeichnete die Wohlhabenden und Reichen als »das Milieu, in dem wir uns durchsetzen müssen«.
Heute, da Dercon in Berlin mit einer beispiellosen Ablehnung seiner Person zu kämpfen hat, wirkt solch ein Spruch nach. Vor sieben Monaten übernahm er das Zepter an diesem Schauspielhaus, dessen langjähriger Boss Frank Castorf in seiner letzten Amtsphase dank einzigartiger Inszenierungen vor allem junge Kosmopoliten anlockte. Die meisten von ihnen werden irgendwann Häuser und Vermögen ihrer Eltern erben, aktuell aber sind viele auf einen eher bescheidenen Lebensstil angewiesen.
Bislang bleibt unter Dercon das Publikum fern, ein Ensemble gibt es an der Volksbühne nicht mehr, die Kritik wird immer lauter. Zumal das, was Dercon bisher künstlerisch zuwege gebracht hat, ästhetisch entweder langweilig ist oder (vor allem »Liberté« von Albert Serra) so katastrophal erscheint, dass selbst erfahrenen Theaterkritikern die Worte fehlen.
Es ist also als politisches Signal zu verstehen, dass Berlins Kultursenatsverwaltung ab Sommer 2018 an der Volksbühne mit Klaus Dörr einen neuen geschäftsführenden Direktor einsetzt. Der ist als Aufpasser für Dercon gedacht und soll ihm die Rote Karte zeigen, falls er sein Budget überstrapaziert.
Der 56-Jährige Dörr ist künstlerischer Direktor am Schauspiel Stuttgart und war Geschäftsführer am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. An beiden Orten arbeitet(e) er für den Intendanten Armin Petras, der im Sommer 2018 ebenfalls seinen Posten in Stuttgart räumen wird. Damit ist die Personalie Dörr ein Geschenk des Senats an die Kulturbetriebsgerüchteküche, in der schon über Dercons Demission und die Nachfolge spekuliert wird. Neben Petras befand sich zuletzt auch Lilienthal in der Lotterie. Er wird 2020 als Chef der Münchner Kammerspiele aufhören.
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