Dem Ungeist die Stirn bieten

Thomas Manns »Joseph und seine Brüder« in der kommentierten Werkausgabe

  • Klaus Bellin
  • Lesedauer: 5 Min.

Es sollte eine Novelle werden, eine Geschichte, die die Josephslegende aus dem Ersten Buch Mose des Alten Testaments neu erzählt. Auch der »Zauberberg«, sein letzter Roman, war als Novelle geplant. Aber dann wurden es über tausend Seiten. Es ging ihm diesmal nicht anders. Thomas Mann schrieb die ersten Sätze Ende 1926. Als das Vorspiel die gedachte Länge weit verfehlte, waren die »Proportionen des Ganzen« schon in arge Schieflage geraten. Die Erzählung wuchs und wuchs. 1932 hatte der Roman einen Umfang erreicht, dass er in zwei Bände geteilt werden musste. Dann war von drei Bänden die Rede und einer »kleinen Katastrophe«, weil noch immer kein Ende abzusehen war. Schließlich wurden es vier Bände. Nach vielen Unterbrechungen (weil Essays, Reden, eine Novelle und der Roman »Lotte in Weimar« zu schreiben waren) und Störungen (die dramatischste: die Installierung der Hitler-Diktatur und der Beginn des Exils) war das Schlussstück, »Joseph der Ernährer«, im Herbst 1942 fertig.

Das Riesenwerk, ein Erzählwunder, für Thomas Mann »eine humanistisch getönte, ironisch abgedämpfte, ich möchte fast sagen: verschämte Menschheitsdichtung«, hat lange gebraucht, um aus dem Schatten der »Buddenbrooks« und des »Zauberbergs« herauszutreten. Es gilt heute, nicht nur wegen seines Umfangs, als die herausragende Schöpfung des Erzählers und als ein Gipfelwerk der Weltliteratur, immer wieder gedruckt, aber nie so großartig und spektakulär, für den interessierten Leser aber so hilfreich wie jetzt. Denn nun liegt der Roman bei S. Fischer auch in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe vor, aufgeteilt in zwei mächtige Kassetten, zweitausend Romanseiten und dazu noch einmal über zweitausend Seiten Kommentar.

Die Edition ist das Werk von drei Herausgebern, dem Ägyptologen Jan Assmann, dem Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer, der für das Projekt seine unschätzbaren Erfahrungen bei der Präsentation klassischer Werke einbringen konnte, und dem Thomas-Mann-Spezialisten Stephan Stachorski. Rund fünfzehn Jahre haben sie, unterstützt von Peter Huber, für die ungemein anspruchsvolle Aufgabe gebraucht, und die war ja mit dem Vergleich der Erstdrucke, der Handschriften und Typoskripte (der vor allem im vierten Band zu zahlreichen Textverbesserungen führte) und der Arbeit am Anmerkungsapparat bei weitem nicht erledigt. Der Kommentar, nie abgehoben, nie schwer verständliches Gelehrtenprodukt, ist ein Glücksfall. Er bietet alles, wirklich alles, was zum Verständnis dieser großen Erzählung gebraucht wird. Er erläutert die biografischen, ästhetischen und historischen Zusammenhänge, die religiösen und altorientalischen Aspekte, die spannende Rezeptionsgeschichte, beschreibt, wie Thomas Mann, der zweimal in Ägypten weilte (1925 und 1930), durch immense Lektüre sein Fachwissen erwarb, wie er in sechzehnjähriger Arbeit an der Tetralogie auf die dramatischen politischen Veränderungen reagierte und wie schließlich aus der uralten Geschichte vom schönen, keuschen und hochmütigen Joseph ein politischer Roman wurde. Die Brüder werfen den ich-bezogenen Träumer in die Grube, wo ihm bewusst wird, wie sehr er gesündigt hat. Er wird verkauft, nach Ägypten gebracht und reift dort in den sieben fetten und sieben mageren Jahren zum Helfer der Menschen, übernimmt Verantwortung, regiert das Land mit fester Hand und wird dessen Ernährer. Und versöhnt sich im schwelgerisch langen Happy End auch mit den Brüdern.

Eigentlich wollte Thomas Mann ja nur, was auch Goethe schon erwog: die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern etwas ausführlicher erzählen. Aber bereits im Oktober 1933, da war der erste Teil mit den »Geschichten Jaakobs« gerade erschienen, wusste er, dass der Roman »als Gesamtwerk der Emigration angehören« würde als ein Manifest des »eigentlichen Deutschland«, das dem Ungeist die Stirn bieten sollte: der Barbarei der Nazis, ihrem Missbrauch des Mythos, der Judenverfolgung, dann auch dem Krieg.

Die Herausgeber konnten aus dem Vollen schöpfen. Alles, was Thomas Mann für seine Arbeit sammelte und benutzte, hat sich erhalten und befindet sich im Züricher Archiv: die Notizen, die umfangreiche Spezialbibliothek, die er sich zulegte, die Zeitungsartikel, die Luther-Bibel mit dem Ursprungstext, hier abgedruckt mit seinen Unterstreichungen, die Briefe, die er in der Sache schrieb. Er hat ja nicht einfach drauflos fabuliert und sich seiner Fantasie überlassen. Genauigkeit war auch in diesem Fall oberstes Prinzip. Unter den Dokumenten, die der Kommentarteil bietet, befindet sich das für Thomas Mann eigens erstellte Horoskop, das zur Beschreibung des Sternenhimmels bei Josephs Geburt diente. Daneben stehen ausgewählte Antworten namhafter Wissenschaftler, die, exzellente Ratgeber, ausführlich auf die Fragen Thomas Manns eingingen. »Sehr geehrter Herr Professor«, schrieb Hans Rosenberg, Physiker an der Universität in Kiel und Cousin Katia Manns, »ich freue mich zu konstatieren, dass Dichter nicht nur mit dem Könige, sondern auch zum Fachmann gehen …« Und dann informiert er über Sternbilder im vorchristlichen Palästina und fügt auch noch »ein kraeftig Wörtlein über den Mond« hinzu. Andere referieren über Joseph und Potiphar, über Götter, ägyptische Monatsnamen, Wortbedeutungen. Ungefähr die Hälfte des Materials, das hier ausgebreitet ist, war bislang nicht zugänglich.

»Die Geschichten Jaakobs« erschienen 1933 noch in Deutschland, von der Nazipresse als »geckenhafte Protzerei« geschmäht und verunglimpft. Ganz anders die - zunächst noch geduldeten - Stimmen jüdischer Kritiker und Leser, »deren Freude und Dankbarkeit«, wie Thomas Mann im Mai 1934 an René Schickele schrieb, »ergreifend sind«. 1934 konnte S. Fischer auch den zweiten Roman, »Der junge Joseph«, in Berlin publizieren. Die Bücher »Joseph in Ägypten« (1936) und »Joseph der Ernährer« (1943) mussten dann mit einem Teil des Verlages ins Exil, erst nach Wien, dann nach Stockholm.

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder. 4 Bde. in 2 Kassetten, hg. von Jan Assmann, Dieter Borchmeyer und Stephan Stachorski, Mitarbeit: Peter Huber, S. Fischer Verlag, 1660 und 2350 S., geb., 85 bzw. 96 €.

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