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Wundertüten und Euphoriespritzen

Die deutschen Schwimmer feiern ihren überraschenden EM-Sieg in der gemischten Freistilstaffel und hoffen auf einen Aufwärtstrend

  • Andreas Morbach, Glasgow
  • Lesedauer: 3 Min.

Franziska Hentke und Philip Heintz haben den Samstagabend gemeinsam verbracht - vor dem Fernseher. Im EM-Quartier der deutschen Schwimmer saßen die beiden großen Medaillenhoffnungen des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) und schauten den Teamkollegen bei ihren Auftritten im Südosten von Glasgow zu. Das Duo wollte frisch sein für die eigenen Vorläufe über 200 Meter Schmetterling und 200 Meter Lagen am nächsten Morgen. Deshalb das entspannte Nebeneinander vor der Flimmerkiste, bei der gemischten Freistilstaffel war es mit der Ruhe dann allerdings vorbei. Vor allem, als Schlussschwimmerin Annika Bruhn mit einer fantastischen Leistung vom zweiten Platz und 1,4 Sekunden Rückstand nach dem letzten Wechsel noch zu Gold kraulte.

»Die Staffelleute haben wirklich einen überragenden Job gemacht. Damit hat keiner von uns gerechnet - und so etwas überträgt sich auch«, berichtete Heintz, der am Sonntagvormittag ebenso wie Hentke erwartungsgemäß ins Halbfinale schwamm. Dazu gab es nach den bislang zwei Medaillen für den DSV durch Henning Mühlleitner (Bronze über 400 Meter Freistil) und dem Triumph in der ersten von drei Mixed-Staffeln in den Endläufen weitere Chancen auf Edelmetall: Für Florian Wellbrock über 1500 Meter Freistil und für die 4x200-Meter-Freistilstaffel der Männer - bestückt unter anderem mit den Staffelgold-Herren Mühlleitner und Jacob Heidtmann (bei Redaktionsschluss noch nicht beendet).

Zwar sackte die Laune im deutschen Team nach Rang vier für Sarah Köhler über 800 Meter Freistil am Sonnabend zunächst mal in den Keller. Umso entschiedener wurde dafür später der quicklebendige Mannschaftsgeist aufgeführt: Mit Chefbundestrainer Henning Lambertz vorneweg lief eine rund 20 Mann starke Delegation in der Interviewzone auf - und alle zusammen warteten geduldig darauf, den gemischten Vierer mit reichlich Beifall und einer angedeuteten La Ola beglücken zu können.

Die Entscheidung des DSV, die harten Normen extra für die EM bei den Mannschaftswettbewerben aufzuweichen, um bei den umfangreichen TV-Übertragungen aus Glasgow möglichst an jedem Finaltag eine schwarz-rot-goldene Staffel präsentieren zu können, hat jedenfalls schon mal gefruchtet. Ein wenig Imagepflege kann dem Verband, dessen Beckenschwimmer von den letzten beiden Olympiaaufführungen in London und Rio mit jeweils null Medaillen heimkehrten, ja auch nicht schaden. Denkt sich vor allem Chefcoach Lambertz, der im vergangenen Jahr viel Kritik von Trainerkollegen und einzelnen Schwimmern hatte einstecken müssen - und der den Sonnabend nun flugs zu einem »Bombentag fürs Team« erklärte.

Die unerwartet schwache Leistung von Köhler bezog der 47-Jährige in die Einschätzung mit ein. »Wir haben alle auf eine Medaille von ihr gehofft. Das hat leider nicht geklappt - aber direkt danach hat das Team gezeigt, dass wir eine Lücke schließen können, dass der eine für den anderen einspringt. Und wir nicht wie früher sagen: Okay, das war jetzt nichts, dann gehen wir eben leer nach Hause.«

Recht treffend beschrieb die aktuelle Lage - mit überraschenden Ergebnissen, positiv wie negativ - Franziska Hentke, als sie ihren Vorlauf als »Wundertüte« charakterisierte. Die 29-jährige Magdeburgerin neigt nicht eben zu emotionalen Ausbrüchen. »Im Großen und Ganzen läuft’s ganz gut - mit ein paar Ausnahmen«, urteilte sie.

Andere griffen da sehr viel entschlossener zur frisch gefüllten Euphoriespritze. Zum Beispiel der Heidelberger Lagenschwimmer Heintz, rund um die WM im Vorjahr in Budapest einer von Lambertz’ schärfsten Kritikern. »Die Stimmung ist sehr entspannt. Ich weiß nicht, ob das mein Verdienst ist - Hauptsache, die Probleme sind gelöst. So macht es jedenfalls Spaß zu schwimmen«, betonte der 27-Jährige. »Ich denke, so eine Goldmedaille gibt allen noch mal einen Schub«, prophezeite sogleich die schnelle Staffelfrau Bruhn. Inhaltlich flankiert von Mitstreiter Heidtmann, der tönte: »Wir wollten hier den Aufwärtstrend starten. Und nicht erst bei den Spielen in Tokio.«

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