Schönheitstänze, Todestänze

Die TV-Serie »Babylon Berlin« zeigt eine Stadt zwischen zwei Extremen: zwischen großer Armut und schrillem Nachtleben. Eine, die zu den bekanntesten Tänzerinnen der Weimarer Zeit zählte, war Anita Berber

  • Bettina Müller
  • Lesedauer: 4 Min.

Berlin, Ende der 1920er Jahre. Die Stadt ist ein Moloch - mit mehr als vier Millionen Einwohnern. Nach New York und London ist sie die drittgrößte Stadt der Welt. Die ARD zeigt derzeit in der Fernsehserie »Babylon Berlin«, wie das Leben war in einer Metropole zwischen den Kriegen, wo das Gros der Bevölkerung in engen Mietskasernen hausen musste. Einerseits. Auf der anderen Seite gab es auch das: Skandale, Nackttänze, Exzesse - und mittendrin eine entfesselte Anita Berber, die durch ihr Leben prescht, als gäb’s kein Morgen. Ihre Energie kann sie nicht immer in die richtigen Kanäle leiten, als Tänzerin stellt sie hohe Ansprüche an sich selbst. Ihr fatalistisches Leben gerät ihr mehr und mehr zu einem der Katastrophe entgegeneilenden Taumel, der vor allem einem stark erhöhten Alkohol-, Kokain- und Morphiumkonsum geschuldet ist. Otto Dix hält 1925 das Resultat des Raubbaus am eigenen Körper in seinem berühmten Gemälde der Anita Berber für immer fest.

Anita Berber stammt aus Leipzig, wo sie 1899 als Tochter des Geigenvirtuosen Felix Berber und der Kabarettkünstlerin Lucie Berber geboren wird. Nach der Trennung der Eltern wächst sie bei ihrer Mutter und der ostpreußischen Großmutter auf. Dass sie auf die Bühne will, steht für das junge Mädchen schon früh fest und sie verschreibt sich mit Leib und Seele dem Tanz. Im Februar 1916 bestreitet sie mit anderen Schülerinnen der Rita-Sacchetto-Tanzschule einen Tanzabend im Berliner Blüthner-Saal. Anita Berber begeistert das Publikum. Es folgt eine steile Karriere, die sich nicht nur auf die Tanzbühne beschränkt. Die Modebranche entdeckt sie als Modell und in 29 Stummfilmen wird ihr ausdrucksstarkes Gesicht auf der Leinwand verewigt. In »Unheimliche Geschichten« besetzt der Regisseur Richard Oswald sie 1919 als namenlose Dirne. 1920 wird sie Ensemblemitglied des Ballett Celly de Rheidt. Die Programmzettel verschweigen wohlweislich, dass auch nackt getanzt wird. Die »Schönheitstänze« rufen schnell die einschlägigen Tugendwächter auf den Plan, die nichts Besseres zu tun haben, als die Tanzdarbietungen zu »Schmutz« zu degradieren.

In dem femininen Sebastian Droste (eigentlich Willy Knobloch) trifft Berber auf einen kongenialen, aber auch dominanten Tanzpartner. Die »Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase« entstehen, doch schon 1924 ist mit der Zusammenarbeit Schluss. Berbers letzter Partner wird der US-amerikanische Tänzer Henri Châtin Hofmann.

Das Publikum reagiert auf ihre Darbietungen immer öfter mit Spott. Schon bei ihren Auftritten mit Celly de Rheidt hat Berber verärgert feststellen müssen, dass das Unverständnis wächst, je mehr sie sich ihrer Kleidung entledigt: »Wir tanzen den Tod, die Krankheit, die Schwangerschaft, das Sterben, und kein Mensch nimmt uns ernst. Sie glotzen nur auf unsere Schleier, ob sie nicht darunter etwas sehen können, die Schweine!«

Das Publikum will nicht begreifen, dass die Tänzerin auch mit den Konventionen eines traditionellen weiblichen Körperverständnisses und mit überholten ästhetischen Formen bricht. Seit der politischen Stabilisierung der jungen Republik ab 1924 hat sich der Publikumsgeschmack mehr und mehr »amerikanisiert«. »Revuegirls« sind nun der Renner, darunter die Tiller-Girls, die das Berliner Nachtleben im Sturm erobern. Die Girls sind zumeist auch leicht bekleidet, sehen alle ähnlich aus und tanzen synchron. Das Publikum ist begeistert. »Immer mehr«, so lautet die Devise der vergnügungssüchtigen Berlinerinnen und Berliner, eine einzige Tänzerin reicht ihnen nicht mehr aus, und schon gar nicht eine, die der inflationsgeschwächten Bevölkerung einen Spiegel vorgehalten hat, aus dem ihnen eine Fratze entgegengrinst.

Anita Berber muss sich eingestehen, dass sie nicht mehr gefragt ist. 1927 verlässt sie gemeinsam mit Hofmann Berlin in Richtung Orient, wo sie in drittklassigen Bars und Hotels auftreten.

Am Ende steht der komplette Absturz. Im Juli 1928 bricht Anita Berber auf der Bühne zusammen. Freunde müssen für sie Geld sammeln, damit sie ihre letzte Reise nach Berlin bezahlen kann. Am 10. November 1928 stirbt die Tänzerin im Bethanien-Krankenhaus elendig an Tuberkulose. »Vielleicht war sie in jenen dunklen Strömen glücklich, sie braucht nun niemandem darüber Auskunft zu geben«, heißt es in einem Nachruf im »Berliner Tageblatt«.

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