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Respekt!

Andreas Koristka über die Frage, ob 100 Euro mehr für Niedrigrentner wirklich eine gute SPD-Idee sind

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

Man hört in diesen Tagen nicht viel Gutes von der guten alten SPD. Allen Unkenrufen zum Trotz: Die Sozialdemokratie lebt und sie ist lebendiger als Olaf Scholz’ Gesicht während einer Haushaltsdebatte im Bundestag. Derzeit arbeiten die Genossen an ihrem nächsten großen Coup, der auf den schönen Namen »Respekt-Rente« hört. Das Konzept funktioniert so: Wer mindestens 35 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt hat, soll im Alter eine garantierte Rente bekommen, die 100 Euro über der Grundsicherung liegt. Wer also jeden Morgen brav aufsteht und fleißig Pakete ausfährt, dem bleiben später monatlich satte 509 Euro, die er nach Gutdünken verprassen kann. Mehr Respekt hat es in Deutschland lange nicht gegeben!

Die Idee ist toll und dürfte auf dem Arbeitsweg ein Lächeln auf die Gesichter aller Schlachthofmitarbeiter zaubern. Wie man das Ganze finanziert, ist allerdings noch nicht ganz klar. Fest steht bisher nur, dass andere verdiente Rentenbeitragszahler nicht schlechter gestellt werden sollen.

Doch so sehr die SPD die 100 Euro den wirklich fleißigen Menschen (und nur denen und nicht den faulen Säcken, die 34,5 Jahre gearbeitet haben!) auch gönnt: Missbrauch soll vermieden werden! Bundesarbeitsminister Hubertus Heil betont gerne, dass die Respekt-Rente nur jenen gezahlt werden soll, die wirklich »bedürftig« sind. Deshalb sollen Einkommen und Vermögen auch streng angerechnet werden. So soll vermieden werden, dass sich Respekt-Pensionäre durch das Austragen von Aldi-Werbeprospekten eine goldene Nase verdienen oder ehemalige Görlitzer Friseurinnen ihre Grundrente von ihrem vom unversteuerten Trinkgeld finanzierten mallorquinischen Anwesen aus verprassen.

Doch ist die Respekt-Rente überhaupt nötig? Wer 35 Jahre oder länger so wenig verdient, dass er mit seinen Rentenbeiträgen das Grundsicherungsniveau auf Hartz-IV-Niveau nicht erreichen kann, der ist das Haushalten mit wenig Geld sicherlich gewohnt. Ja, vielleicht überfordern ihn die 100 Euro zusätzlich sogar. Es verhält sich so ähnlich wie mit den Häftlingen, die nach jahrzehntelanger Haft die Freiheit nicht ertragen und sich schließlich umbringen. Wäre es also nicht respektvoller, die Geringverdiener in ihrem vertrauten wirtschaftlichen Umfeld weiterleben zu lassen? Einen alten Baum verpflanzt man bekanntlich nicht, und einen armen schon mal gar nicht!

Vielleicht sollten sich die Sozialdemokraten deswegen andere innovative Konzepte ausdenken, um den hart arbeitenden und fleißigen Menschen ihren Respekt zu erweisen. Wäre es nicht viel einfacher für die Genossen, wenn sie die Putzfrauen im Willy-Brandt-Haus immer grüßen würden? Der Respektivitätstheorie zufolge würde dabei genauso viel Respekt freigesetzt wie bei der Einführung der Respekt-Rente. Aber die Rentenkassen würden nicht belastet werden! Möglich wäre auch ein garantierter warmer Handschlag vom Bundesarbeitsminister, den jeder erhält, der 35 Jahre lang ins Rentensystem eingezahlt, den Müll richtig getrennt und die Stereoanlage nach 22 Uhr immer (!) auf Zimmerlautstärke gedreht hat. Wer 40 Jahre und länger arbeitet, der bekommt zusätzlich noch zwei Fleißbienchen ins Hausaufgabenheft und eine Urkunde mit der Aufschrift »XYZ war immer bemüht und hat sich um das Wohl der Bundesrepublik Deutschland und des Amazon Logistikzentrums Winsen verdient gemacht«.

Diese Wertschätzung von Arbeitsbiografien ist es, die den Genossen die verloren gegangenen Stimmen an den Wahlurnen zurückbringen kann. Selbstverständlich könnten echte Wahlerfolge noch etwas auf sich warten lassen. Aber wichtig ist, dass die SPD dran bleibt an der Sache. Notfalls 35 Jahre und länger. Unseren uneingeschränkten Respekt für ihre außergewöhnliche Beharrlichkeit in dieser Angelegenheit, sollten wir ihr dann nicht verwehren!

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