Im Zentrum der Avantgarde

Vom Dadaismus zum Surrealismus: Zwei Essays von Ré Soupault

Es gibt eine Flut von Erinnerungen an 1918/1919, Zeit des Umbruchs, der Niederlagen und Neuanfänge nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Es entstand das Bauhaus in Weimar, es gab Dada in Zürich und Anfang der 20er Jahre Wchutemas in Moskau und der Surrealismus in Paris. Trotz vielfältiger Querverbindungen waren sie sehr verschieden in ihren Hervorbringungen und Wirkungen. Dada verschwand schnell wieder, nur ein paar Varianten blieben. Auch der klassische Surrealismus ist Geschichte, aber seine provokanten technischen Spielarten gehören noch immer »zum Repertoire einer kommerziellen Bilderflut und weltweit agierenden kapitalistischen Kulturindustrie« (Karlheinz Barck).

Umso rarer sind die Erinnerungen an die Anfänge des Surrealismus von der Künstlerin Ré Soupault (1901-1996). Es sind authentische Berichte einer Frau aus dem vormaligen Zentrum dieser Avantgarde. Aufgewachsen an der Ostsee bei Kolberg, war Meta Erna Niemeyer Bauhaus-Schülerin in Weimar, dann kurze Zeit mit dem dadaistischen Maler und Filmemacher Hans Richter verheiratet, bis sie 1928 als Modejournalistin nach Paris ging, wo sie 1931 ihr eigenes Atelier eröffnete, das sie »Ré Sport« nannte und wo sie unter anderem das »Transformationskleid« und das »Schürzenkleid« erfand, was den Surrealisten, mit denen sie verkehrte, imponierte. Sie war zusammen mit dem Schriftsteller Philippe Soupault, den sie bei einem Empfang der sowjetischen Botschaft kennengelernt hatte und den sie 1937 heiratete. Sie gingen nach Tunis und emigrierten dann im Zweiten Weltkrieg nach New York.

Manfred Metzner hat nun zwei Rundfunkessays von Ré Soupault ausgewählt, »die Dadaismus und Surrealismus im Zusammenhang zeigen«. Der erste ist von 1968, heißt »Tristan Tzara« und erinnert an den rumänischen Dichter, der 1916 in Zürich nach Hugo Ball die Leitung des Cabaret Voltaire übernahm, Dada gründete, 1919 nach Paris kam und dort, etwas salopp gesagt, die Surrealisten-Szene »aufmischte«. Tzara starb 1963 einsam und ein bisschen verrückt.

Soupaults zweiter Vortrag, über »die Entstehung des Surrealismus«, ist interessanter. 1974 benennt sie schon im Untertitel den Verrat am Erbe: »Wir haben uns geirrt: Die wahre Welt ist nicht, was wir geglaubt haben.« Soupault erinnert hier an eine Kunstbewegung, die sich »als Geisteshaltung verstand und jeden Konformismus ablehnte«. Es waren, wie sie sagt, »drei in Uniform«, kaum 16 Jahre alt, die sich »in dieser Stunde null der geistigen Werte ... auf der Suche nach neuen geistigen Horizonten« zusammenfanden: Louis Aragon, André Breton und Philippe Soupault. Sie produzierten Traumberichte, das Buch »Die magnetischen Felder«, die Zeitschrift »Littérature«, Theatertexte und so weiter.

Das Büchlein hat mit den Lebensdaten von Ré Soupault einen dritten, fast ebenso spannenden Teil wie die Essays, weil hier all die Persönlichkeiten auftauchen, denen sie begegnete: Man Ray, Sergeij Eisenstein, Mies van der Rohe, Max Ernst, Fernand Léger, Walter Benjamin, Karl Jaspers und noch viel mehr. Diese Veröffentlichung macht auch auf andere ihrer Jubiläums-Titel aufmerksam, vor allem auf »Nur das Geistige zählt. Vom Bauhaus in die Welt«. Das ist ein Thema, das uns 1919 noch viel beschäftigen wird.

Ré Soupault: Vom Dadaismus zum Surrealismus. Zwei Essays Aus dem Nachlass herausgegeben von Manfred Metzner. Verlag Das Wunderhorn, 80 S., geb., 19,80 €.

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