• Berlin
  • Einkommensunterschiede

Kein Geldsegen trotz Hauptstadtbooms

Seit dem Jahr 2000 stieg das verfügbare Haushaltseinkommen der Berliner inflationsbereinigt lediglich um läppische 1,3 Prozent

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.

19 719 Euro Nettoeinkommen standen jedem Berliner Haushalt im Jahr 2016 zur Verfügung. Das ergibt der frisch veröffentlichte Verteilungsmonitor des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. In Saarbrücken haben die Haushalte ein paar Euro mehr zur Verfügung, in Aurich sind es ein paar Euro weniger. Im deutschlandweiten Vergleich liegt die Hauptstadt damit auf Platz 310 von 403 in der Rangliste aller Landkreise und der drei Stadtstaaten.

Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte ist laut Statistischem Bundesamt das Einkommen, das den privaten Haushalten zufließt und das sie für Konsum- und Sparzwecke verwenden können. Es errechnet sich, indem alle Einnahmen inklusive Sozialleistungen addiert und zu leistende Steuern, Sozialbeiträge und sonstige Transfers davon abgezogen werden.

Offenbar kommt der jahrelange Boom in der Hauptstadt bei den meisten Menschen nicht an. Denn noch schlechter, nämlich auf Platz 358, steht Berlin da, wenn man die Einkommenszuwächse seit dem Jahr 2000 betrachtet. In 18 Jahren stieg das verfügbare Einkommen inflationsbereinigt nur um 1,3 Prozent. Laut Statistischem Bundesamt stiegen die Preise in der Bundesrepublik von 2000 bis 2018 um knapp 30 Prozent. Das WSI rechnet mit diesen Zahlen bei seinem bundesweiten Vergleich. Für Berlin als Bundesland wird auch eine eigene Inflationsrate ausgewiesen. Dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zufolge fiel die Teuerung in der Hauptstadt etwas geringer aus, die Preise stiegen seit der Jahrtausendwende um 28,2 Prozent.

Ein erheblicher Kostenblock wird in diesen Durchschnittsrechnungen für den Großteil der Berliner jedoch nur unzureichend abgebildet: die Miete. Der für Mieterhöhungen bei laufenden Verträgen maßgebliche Mietspiegelwert stieg hochgerechnet auf alle Wohnungen in den 18 Jahren um über die Hälfte, von um die 4,20 Euro auf 6,39 Euro nettokalt pro Quadratmeter. Noch drastischer sieht es bei den Mieten aus, die bei einem Neuabschluss von Verträgen fällig werden. Laut den Wohnungsmarktberichten der landeseigenen Investitionsbank Berlin verlangten im Jahr 2000 Vermieter für eine Altbauwohnung im Ostteil Berlins im Schnitt 3,43 Euro Quadratmetermiete, im Westen waren es 4,09 Euro. Selbst frisch fertiggestellte Neubauwohnungen waren für 5,62 Euro zu haben. 2018 lag der Mittelwert für neue Mietverträge bei 10,32 Euro nettokalt pro Quadratmeter, in Friedrichshain-Kreuzberg sogar bei knapp 13 Euro. Es ist also durchaus möglich, dass die gleiche Wohnung inzwischen für den vierfachen Preis wie im Jahr 2000 angeboten wird.

Lesen sie auch zum Thema: Arm wie Italien. Studie stellt extreme Einkommensunterschiede zwischen deutschen Gemeinden fest. Von Simon Poelchau

Kein Wunder, dass unterdessen knapp 44 Prozent der Haushalte in der Stadt mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Miete aufbringen müssen. Für sie dürfte die Inflation in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich höher ausgefallen sein, als es die Zahlen der Statistikämter vermuten lassen. Für Berlin hat die Nettokaltmiete derzeit einen Anteil von 21 Prozent an dem Warenkorb, über den die allgemeine Teuerungsrate definiert wird. Nur Alkohol und Tabak sind laut den statistischen Berichten schneller teurer geworden als das Wohnen. »Wir bekommen ein echtes Armutsproblem durch die Mietenentwicklung«, kommentiert Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, bitter.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal