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  • Hörspiel Peace Island

Kein Schmu, keine Schminke

Keine Helden: Das Hörspiel »Peace Island« seziert NGO-Arbeit während der Ebolaepidemie

  • Von Stefan Amzoll
  • Lesedauer: 3 Min.

Diese Radioarbeit von Rainer Merkel, benannt nach einem Stadtviertel im liberianischen Monrovia, ist von Detlef Meißner klangstark inszeniert worden. Eine dreiköpfige Gruppe prägt die Szenerie, entsandt im Auftrag einer NGO, sie soll Hilfe leisten bei der Bekämpfung der Ebolaepidemie an der afrikanischen Westküste. Ihr gehören der Arzt Marius an, der Journalist Randolf und die Filmemacherin Martha.

»Peace Island« klingt wie ein Film, ein Hör-Film. Der suggeriert permanent Bildhaftes, äußerlich Sichtbares. Das »Royal Grand Hotel« etwa, Autofahrten, Räume des Elends, Krankenhausatmosphären, Vorgänge an medizinischen Kontrollpunkten oder am Flugplatz. Das alles stört nicht, im Gegenteil, es konstituiert Realismus.

Die Regie schlägt gleichermaßen mit den Darstellern Antonia Biller, Rafael Stachowiak und Björn Gabriel einen kalt realistischen Kurs ein. Keinen Schmu gibt es, keine Schminke. Es geht darum, eine klaren Auges erkannte Situation klar zu zeichnen. In dieser Darstellungsweise funktionieren die zwei Sprecher und die Sprecherin hervorragend. Was die Gruppe aus Angst und Feigheit sich auch zusammenfantasiert und an Liebe und Vertrauen vergeblich aufzubringen sucht, es gehört zum Realismus der Sache. Die Sprechtonfälle, auch die leisen, klingen befremdlich und latent ruppig. Der knarrige, coole Slang ist gefragt.

Herzensgefühle zu zeigen, erlaubt sich niemand. Echte Teambeziehungen in todesschwangerer Atmosphäre aufzubringen: unmöglich. Keine Helden walten hier. Der Betrieb geht rein geschäftsmäßig vonstatten, verbunden mit hundert Zweifeln und sinnlosen Streits und grantigen Dialogen. So sieht die Wirklichkeit aus bei einem Hilfseinsatz im Rahmen einer NGO, die ihrerseits Auftraggeber hat, die offenkundig gut bezahlen.

Der größte Zyniker ist Randolf: Er verkörpert den Typ des neoliberalen Abenteuerers, zu allem fähig und unfähig, der Hund scheint ihm wichtiger als Ebolakranke, wirklicher Liebe ist er völlig abhold, nicht davor zurückschreckend, mit gefälschten Medikamenten Handel zu treiben. Professionelle, ernsthafte Hilfe, wahrheitsgetreue Beschreibung dessen, was sich zuträgt, ist das mitnichten. Dergleichen schien wohl auch in dem Maß nicht mehr nötig gewesen, nachdem die ins Lächerliche gezogenen kubanischen Ärzte abgewandert seien, wie Randolf und Marius erzählen.

Doch in Wirklichkeit gingen die Kubaner freilich weg, um sofort am nächsten Gefahrenpunkt Hilfe zu leisten. Was zu verschweigen sich politisch geziemt. Einzig Martha - sie arbeitet an einem Film über die Situation vor Ort und steckt voller Gewissenskonflikte - vermag letztlich dem miesen Geschäft zu entrinnen. Zuversicht tankt sie, indem sie sich Kindern widmet. Neben sich sieht sie unentwegt Fotografen und Studenten, alle dienstverpflichtet, um den epidemischen Schrecken der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Martha wahrt ihr Gesicht. Fassungslos erlebt sie die Frau, deren eines Kind an Ebola gestorben sei, wie man ihr einredet, die in Wirklichkeit aber alle ihre sechs Kinder verloren hat.

Das Stück flicht Märchenmotive ein, leider nur halbherzig - etwa jenes mit der Prinzessin im blutenden Grab oder das Ebola-Lied, von Kindern gesungen, das Martha hört und unbedingt aufnehmen will. »Wozu?«, so fragen ihre Begleiter. Allzu herbeigeholt wirken ihre Anwandlungen, dass Superreiche wie Zuckerberg helfen könnten, das Höllenschiff zu verlassen. Trügt nicht alles, tritt der dann auch kitschumflort auf. Martha sagt vor der Abreise zu den Männern: »Schaut, dass ihr hinwegkommt!« - eine furchtbare Zeit der Agonie gehe für sie zu Ende.

»Peace Island«, NDR-Kultur am 19. Juni um 19.06 Uhr als Ursendung.

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