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Eine Existenz erfinden

Die Besonderheiten eines DDR-Schriftstellerinnenlebens

  • Matthias Biskupek
  • Lesedauer: 4 Min.

Biografische Bücher sind gefragt: Wie verlief ein Leben? Warum duckte sich da einer, warum kämpfte eine andere, wie kamen jene mit Gunst und Ungunst der Verhältnisse zurecht? Albrecht Franke, Lehrer aus Stendal, der seit 1983 auch als Schriftsteller veröffentlicht, hat einem Vorbild seiner Jugend - einer Frau, die ihm erste Schritte ins Literaturreich ermöglichte - unter der Dachzeile »Eine Schriftstellerin im 20. Jahrhundert« fast 400 Seiten gewidmet.

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Albrecht Franke: Christa Johannsen – Ein erfundenes Leben. Mitteldeutscher Verlag, 392 S., br., 16 €.

Christa Johannsen, so steht es derzeit nur bedingt richtig bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia, 1914 in Halberstadt geboren, studierte Philosophie in Berlin, promovierte dort. Nach 1945 Dozentin an einer Fachschule. Nahm 1947 am 1. Deutschen Schriftstellerkongress teil, ist seit dieser Zeit auch Mitglied der (Ost-)CDU, von 1963 bis 1969 Vorsitzende des Magdeburger Schriftstellerverbandes.

»Ab 1973 leitete sie Zirkel schreibender Arbeiter und die zur FDJ gehörende Gruppe ›Junge Prosaisten‹. Wiederholt lud sie auch westdeutsche Autoren, so Geno Hadlaub und Horst Krüger ein. Auslandsreisen führten sie nach Sibirien und in die USA …« Sie »gehörte zu den etablierten Schriftstellern in der DDR … erhielt (dort) eine Vielzahl von Auszeichnungen …«, starb am 9. April 1981.

Johannsen hatte aber nur sporadisch studiert, nie promoviert, während der NS-Zeit konforme Texte geliefert. Sie wurde zunächst als Mitglied des DDR-Schriftstellerverbands gestrichen - wegen zu geringer Anzahl von Veröffentlichungen. Nach Wiederaufnahme übernahm sie sofort den Magdeburger Vorsitz.

Angelpunkt für Franke und sein Buch war jene Gruppe »Junge Prosaisten«. In der DDR gab es die Förderung junger Literatur durch Poetenseminare. Ein solches fand im Frühjahr 1973 in Magdeburg statt; dort lernte Franke die An-Leiterin Christa Johannsen kennen. Auch der Rezensent war damals dabei, erlebte eine selbstbewusste, emanzipierte Frau, hörte viel später, dass man von der »Gruppe 73« sprach. Franke hat in vielen Archiven geforscht, vom Literaturhaus Magdeburg über den von Viola Holstein bewahrten Nachlass bis zur Familie Häfner, mit der Christa Johannsen einen umfangreichen Briefwechsel führte - er förderte Zeugnisse zutage, die dem offiziellen Bild der Autorin absolut widersprechen. Er zog keine Stasi-Protokolle heran, fand aber Hetzkommentare unter Pseudonym für Westberliner Sender, Devisenbringer im Kalten Krieg. Andererseits sandte Johannsen Ergebenheitsadressen an die Blockpartei CDU, in deren offiziellem Organ »Neue Zeit« sie emsig publizierte.

Christa Johannsen war stolz auf ihren Lektor Johannes Bobrowski im Union-Verlag, erzählte von dessen Verbindungen zum Kreis um Ingeborg Bachmann und Max Frisch, als habe sie alle selbst gekannt: Schriftstellermärchen werden von Dichtern immer gern verbreitet. Ihr bedeutendstes Buch war zweifellos »Leibniz«, mit dem sie vor allem den Naturwissenschaftler und Mathematiker würdigte. Selbst hatte sie Deutsch mit »mangelhaft« abgeschlossen, wie sie - stolz - erzählte. Mit dem Band »Zeitverschiebungen« lieferte sie 1979 Betrachtungen über ihr Leben, verbarg sich unter Pseudonymen, blieb bei Fälschungen.

Ihre Liebesbeziehungen - zu Frauen - waren in ihrer Zeit fast revolutionär. Da kommt Franke ihr und ihrer Verzweiflung nahe. Wie die selbstbewusste Frau Depressionen durchlitt, in ihrer kleinen Wohnung hoch über der Elbe. Ihr Tod war ein Suizid, zu DDR-Zeiten verschwiegen. Das allein wäre eine umfangreiche Untersuchung wert gewesen.

Franke häuft zwar Material aufeinander; es gelingt ihm aber leider keine überzeugende Bündelung. Man darf bei biografischen Texten an Hildesheimer, an Heinz Knobloch denken, die Methoden fanden, sich der Vergangenheit und ihren Personen zu nähern. Franke gebührt großes Lob für seine Kärrnerarbeit, die Vergleiche der Johannsen-Texte mit Dokumenten. Ihm selbst wurde seine Verehrung wenig gedankt: Sie watschte ihn quasi ab, warf ihn aus der Wohnung, unterband für Monate jede Kommunikation.

Franke bleibt zurückhaltend - nur kann er seinem Vorbild poetisch leider nicht nahekommen: Es gibt Wiederholungen, die Sätze quellen gelegentlich auf durch ermüdende Einschübe. Ein das Gestrüpp rodendes Lektorat mit einer überzeugenden Organisationsidee hätte gut getan.

Hier wird eine Besonderheit dieses DDR-Schriftstellerlebens deutlich: Die Johannsen wurde lektoriert, auch zensiert. Die Ausschnitte aus ihrem letzten, unvollendeten, wohl misslungenen Roman »Einstein«, die Franke heranzieht, machen dies deutlich. Dass sie mit ihrer erlogenen Promotion - selbst auf dem Grabstein steht der Doktortitel - durchkam, hat auch mit ihrem Heimat-, Hass- und Sehnsuchtsland zu tun, wie Franke schreibt: »Die Erfindung ihres Lebens funktionierte in der DDR einfach besser. Eine Schriftstellerin stellte in der DDR eben etwas dar, sie wurde beachtet.«

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