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Betongold schlägt Handwerk

Explodierende Mieten vertreiben traditionelle Betriebe aus dem Berliner Zentrum.

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 5 Min.
Hinter diesen Fassaden in der Schlesischen Straße 26 finden sich fast nur noch Büroarbeiter – für Handwerksbetriebe werden die Mieten zu teuer.
Hinter diesen Fassaden in der Schlesischen Straße 26 finden sich fast nur noch Büroarbeiter – für Handwerksbetriebe werden die Mieten zu teuer.

»Wir wollen hier bleiben«, sagt Lukas Hartig, während er am langen Tisch im Pausenraum seiner Tischlerei sitzt. »Wir«, das ist die Holzmanufaktur in Kreuzberg, ein kleines Unternehmen mit zehn Tischlern, in dem Innenausbau und Möbel aus Holz gefertigt werden. Seit 1997 ist der Betrieb im Gewerbehof an der Schlesischen Straße 26 in Kreuzberg ansässig, doch im Herbst 2020 könnte Schluss damit sein. Denn sein Vermieter, die Gewerbesiedlungs-Gesellschaft (GSG Berlin), will mehr Geld. Statt 5,60 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter sollen es künftig zehn Euro werden. »Es wurde uns gesagt: Das ist eine Innenstadtlage, hier wollen alle rein«, berichtet der Tischlermeister.

»Wir können den Preis nicht bezahlen. Zehn Euro sind zu viel«, erklärt er. Denn obwohl der Betrieb klein ist, braucht er viel Platz. Für Maschinen und für die Lagerung von Material und Werkstücken. 500 Quadratmeter sind es derzeit, da bedeutet die Mieterhöhung über 2000 Euro Mehrkosten. »Ich müsste meinen Verrechnungssatz verdoppeln«, sagt Hartig. »Wir können unsere Fertigung nicht beschleunigen, können nicht mehr Aufträge annehmen«, so Hartig weiter.

»Die Preisexplosion im Immobiliensektor wird für unsere Betriebe zunehmend zum Problem. Gerade in Berlin erleben wir einen Rückzug von Handwerkern aus den Innenstädten. Dort verschwinden Bäcker, Fleischer, Schuhmacher oder Änderungsschneider aus den Straßen, weil sie sich die Miete der Geschäftsräume nicht mehr leisten können«, sagt Jürgen Wittke, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Berlin, zu »nd«. Stattdessen machten sich dort dann Szenebars oder Modeketten breit.

»Wir sind in einer existenzbedrohenden Situation«, sagt Hartig. »Wir können nicht mehr richtig planen und investieren. Wir haben auch keinen Lehrling, obwohl im Herbst das Ausbildungsjahr begonnen hat.« Angeboten hatte ihm die GSG Räumlichkeiten am Stadtrand. »Die sind für uns nicht geeignet, allein schon wegen der Erreichbarkeit«, sagt er.

Der Chef der Handwerkskammer Wittke erklärt: »Die Handwerker brauchen die Anbindung an ihre Quartiere, dort sind oft auch ihre Kunden zu Hause.« Auch für die Nachwuchsgewinnung seien die zentralen Standorte wichtig. »Wenn Jugendliche in ihrem Alltag Handwerk gar nicht mehr sehen und erleben, dann verwundert es nicht, dass sie bei ihrer Berufswahl das Handwerk oft nicht mehr auf dem Schirm haben«, so Wittke weiter.

Hartig schaut sich bereits seit Längerem nach einem neuen Standort um. Doch das ist nicht so leicht. »Viele Flächen sind für uns nicht geeignet. Wir brauchen keine großen Hallen, die acht Meter hoch sind«, erklärt er. Die Hoffnung, in der Nähe noch bezahlbaren Ersatz zu finden, hat der Tischlermeister praktisch aufgegeben. »Dann hätten wir nicht nur wegen unseres Namens ein Problem, da steht ja schließlich Kreuzberg drin«, sagt er. »Wenn wir hier wegziehen müssen, dann klappen wir nicht einfach unseren Rechner zu. Ein Umzug mit den ganzen Maschinen würde uns rund 50 000 Euro kosten. Das wäre eine Investition, die uns keinen betrieblichen Vorteil bringt, das Geld wäre einfach weg«, erklärt Hartig.

Damit würde aus dem Kreuzberger Gewerbehof einer der letzten Handwerksbetriebe verschwinden. Schon jetzt dominieren Büronutzungen das Areal. Start-ups und Kreativunternehmen können deutlich mehr Miete zahlen. Für bis zu 29 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter bietet die GSG Flächen in ihren zahlreichen ehemaligen Kreuzberger Fabrikhöfen an. Mit rund einer Million Quadratmeter Fläche ist das Unternehmen nach eigenen Angaben der größte Gewerbevermieter der Hauptstadt.

Selbst Büronutzer können nicht mehr mithalten. Die Filmproduktionsfirma Weltenangler ist nach acht Jahren aus dem GSG-Hof an der Reichenberger Straße 124 ausgezogen. »Die GSG kündigt reihenweise ihren langjährigen Gewerbemietern und bietet ihnen nach der Friss-oder-Stirb-Methode einen horrend hohen Neuvertrag oder den kurzfristigen Auszug mit ungewisser Zukunft«, schildert Brigita Zelic, Leiterin der Kreativabteilung, das Vorgehen. Allein in ihrem Gebäudeflügel seien innerhalb von zwei Monaten vier von neun Parteien ausgezogen.

Einen Tag vor Ablauf der dreimonatigen Kündigungsfrist sei die Kündigung gekommen, erklärt Zelic. »Widerlich« sei die Art der Abwicklung gewesen. »Keinerlei Kompromissbereitschaft, stattdessen eine Kaltschnäuzigkeit, die einem den Atem verschlägt.« Auch hier sollte die Miete drastisch steigen. Von 2500 Euro für 158 Quadratmeter auf über 4000 Euro.

»Keinesfalls war oder ist es das Ziel der GSG Berlin, Mieter zu vertreiben«, erklärt die von der GSG beauftragte PR-Agentur auf Anfrage. Man biete den Mietern alternative Flächen an anderen Standorten an, »zum großen Teil sogar noch unter den Mieten, die die Mieter vorher gezahlt haben«. Die GSG gehörte einst dem Land, 2007 wurde sie unter dem rot-roten Senat endgültig privatisiert. Seit 2016 ist das Unternehmen Teil der CPI Group, die zu über 90 Prozent dem tschechischen Milliardär Radovan Vítek gehört.

»Die GSG ist nach ihrer Privatisierung mittlerweile aus allen vereinbarten Bindungsfristen entlassen und kann wie jeder andere Vermieter am Markt agieren«, erklärt die Verwaltung von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) auf nd-Anfrage. »Der Bund lässt Berlin mit der zunehmenden Verdrängung von Kitas, Handwerksbetrieben und kleinen Unternehmen aus der Innenstadt allein«, heißt es weiter. Die Verwaltung baue aktuell eine landeseigene Gewerbehofstruktur auf. »Ziel ist es, Gewerbeflächen für den Mittelstand, der aus den Innenstadtlagen verdrängt wird, beziehungsweise dort keine Ansiedlungsflächen findet, zu finanziell vertretbaren Konditionen zu schaffen.« Acht Millionen Euro sind im gerade verabschiedeten Doppelhaushalt 2020/2021 dafür eingestellt. Für Lukas Hartigs Holzmanufaktur und viele andere dürfte das zu spät kommen.

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