Auf Klassenfahrt

Mit den Eisernen durch die Bundesliga: Zu jedem Heimspiel schicken wir einen anderen Autor in die Alte Försterei - gegen den FC Augsburg: Michael Wolf

Nicht jeder Unioner ist ein Schlosserjunge aus Oberschöneweide. Auch ich, ein Theaterkritiker aus dem Sauerland, finde meinen Platz auf der Waldseite. Zeit zum Eingewöhnen ist nicht vonnöten. Theater und Fußball ähneln einander stärker als allgemein angenommen. Verstehen wir den Trainer als Regisseur, den Profi als (Schau-)spieler, den Trainingsplatz als Probebühne und die Dauerkartenbesitzer als Abonnenten.

Die Theaterwissenschaft liefert zudem das notwendige theoretische Rüstzeug. Man spricht hier gerne von der »Zuschaukunst« und meint damit, dass das Publikum entscheidende Verantwortung für das Gelingen einer Aufführung trägt. »Damit ist der Gedanke nahegelegt, dass nicht nur dem Künstler ein eigener Stil zuzusprechen ist, sondern auch das Erlebnis des Kunstwerks stilvoll sein kann.« (vgl. Roselt, Jens: Phänomenologie des Theaters).

Bei keiner Inszenierung in der Volksbühne oder dem Berliner Ensemble lässt sich diese These so vortrefflich bestätigen wie in der Alten Försterei. Sagt man hier doch gern: »Ich gehe nicht zum Fußball, ich gehe zu Union.« Der Sport ist sekundär, die Stimmung, der Vollzug der Rituale und die Lautstärke sind entscheidend, mithin: die Art der Rezeption. Bewerten wir also die Leistung des Publikums, unterziehen wir die Fangemeinde einer harten Stilkritik, beispielhaft an den Begleitern des Autors beim 2:0 gegen Augsburg.

In der ersten Hauptrolle sehen wir Andreas: 32 Jahre alt, treuer Freund des Kritikers, Bonsai-Züchter, Hobby-Koch, von Beruf arbeitslos, er selbst sagt: »Investor«. Und tatsächlich investiert er von Anfang an viel, ölt sein Organ noch schnell vor Anpfiff, um sogleich stimmliche Akzente zu setzen. Das Geschehen auf dem Platz hält er sich routiniert vom Leib (»So ist Fußball«), weiß er doch genau: Union ist, was du draus machst.

Jedoch, so offensiv er hier ins Spiel geht, ist klar: Das Tempo wird selbst er nicht durchhalten können. Im Laufe der ersten Halbzeit lässt er sich denn auch vom Schalalalala-Gesang einlullen, die Körperspannung leidet, das Spiel droht aus seinen Händen zu gleiten. Aber: War es nur ein retardierendes Moment, ein dramaturgischer Kniff, die Schwächephase nur vorgetäuscht, um das Comeback noch strahlender erscheinen zu lassen? In der zweiten Hälfte jedenfalls dreht er wieder auf, übernimmt die Initiative - schreit, singt, hüpft und reckt die Faust wie eine echte Führungsfigur, ein leuchtendes Vorbild auch für seinen neben ihm stehenden Vater.

Uwe, 56 Jahre alt, zu NVA-Zeiten mit dem Bestenabzeichen der Sowjetarmee dekoriert und nach der Wende zum Manager eines US-Konzerns degradiert, geht angeschlagen ins Spiel. Schwer erkältet kämpft er sich aus dem Krankenbett auf die Waldseite. Sein Stadionbesuch kann nur als Heldengeschichte erzählt werden. Für ihn als unerfahrenen Zuschauer und Neu-Unioner ist klar: Nur durch den Kampf werde ich ins Spiel finden.

Und er beißt sich durch, schaufelt Hustenbonbons in sich hinein, um akustisch nicht abzufallen, übererfüllt das Soll letztlich sogar, stimmt selbst bei Gesängen ein, die er nie zuvor gehört hat, hebt die Hände zum Himmel und greift nach den Sternen. Selbst vom mauen Sport lässt er sich nicht demotivieren (»Ist das immer hier so? Na egal, die Stimmung fetzt!«). Kein Defätismus bei Nieselregen und Bierdusche, niemals! Der Gerstensaft auf Uwes Jacke glänzt wie ein neuer Orden. Beim Schlussapplaus verbeugen wir drei uns leicht in Richtung Rasen. Es war uns eine Ehre.

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