Werbung

Kredit und Corona

Die Politik der Zentralbanken

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 2 Min.

Die Welt verfolgt derzeit gebannt Informationen zur Anzahl der Passagiere in der Pekinger U-Bahn, zur Länge der Autostaus in Schanghai oder zum Kohleverbrauch in Chinas großen Kraftwerken. Denn von diesen Daten erhofft man sich Aufschluss darüber, wie stark das neue Coronavirus die chinesische Wirtschaftstätigkeit und damit das globale Wachstum schädigt. Harte ökonomische Daten sind noch immer nicht bekannt.

Die großen Notenbanken reagieren bereits: Die US-Zentralbank hat in einer Notsitzung die Zinsen deutlich gesenkt, um durch verbilligte Kredite die Wirtschaft zu stützen. Die Zentralbanken in Japan, Großbritannien und in der Euro-Zone dürften nächste Woche nachziehen. Die Hektik und Nervosität resultieren aus dem Fakt, dass Corona nicht auf eine florierende Weltwirtschaft trifft, die einen vorübergehenden Einbruch wegstecken kann. Sondern dass das Virus die Ökonomie zur Unzeit trifft.

Bereits seit Langem geht das globale Wirtschaftswachstum zurück. Ein Grund dafür ist der stetig nachlassende Boom in China. Die weltweite Industrieproduktion schrumpft seit Ende letzten Jahres. 2019 sank auch der Welthandel, zum ersten Mal seit der großen Finanzkrise. Und nun kommt auch noch das Virus. Das ist das eine. Das andere ist, dass das Wachstum der Weltwirtschaft immer stärker über Kredite vorfinanziert wurde.

Um die Produktion anzutreiben, haben Regierungen und Unternehmen in den letzten Jahren vermehrt Geld geliehen. Betrugen die globalen Schulden von Staaten und Privatsektor 1999 noch das Doppelte der Weltwirtschaftsleistung, so ist es heute mehr als das Dreifache. Ein Extremfall ist China, wo sich die Schuldenquote von Unternehmen und privaten Haushalten allein seit 2002 von 100 auf über 200 Prozent der Wirtschaftsleistung verdoppelt hat. Auch das Kreditvolumen im Rest der Schwellenländergruppe liegt auf Rekordhoch, viele Staaten sind abhängig vom stetigen Zufluss von Auslandskapital.

Die Schulden der Welt existieren im Finanzsektor als Forderungen, als Anleihen, Schuldverschreibungen oder andere Wertpapiere. Ihr Wert ist davon abhängig, dass die Konjunktur die erwarteten Zinsen und Dividenden auch wirklich abwirft - das Weltfinanzvermögen ist eine große Spekulation auf eine Produktionssteigerung, die erst noch stattfinden muss. Und diese Steigerung ist gefährdet. Daher warnte der Internationale Währungsfonds schon Ende 2019 vor »Verletzlichkeiten« des Finanzsystems. Noch bevor also klar ist, wie stark das Coronavirus Produktion und Handel wirklich beeinträchtigt, sind Regierungen und Zentralbanken bemüht, eine Panik an den Finanzmärkten zu verhindern. Und zwar indem sie Zinsen senken und das Kreditvolumen weiter aufblähen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung