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  • Besetzungen in Corona-Zeiten

Eine Besetzung in Zeiten der Coronakrise

Stadt Köln verzichtet zunächst auf eine Räumung

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist ein imposanter Bau am Rande des Großmarkts im Kölner Süden. Fünf Stockwerke, dahinter eine Lagerhalle, darin eine große Waage. Irgendwer hat »Riots not diets« darauf gesprüht. Über den Toren der Halle hängen Schilder, die darauf verweisen, wohin die Waren gegangen sind: Belgien, die Niederlande, Kölner Umland.

André Salentin führt mit einigem Stolz durch die Halle und spricht darüber, was darin alles möglich sei, wenn die Besetzung Bestand haben sollte. Noch konzentrieren sich Salentin und seine Mitbewohner auf das fünfstöckige Gebäude. Vor rund einem Monat hat die Besetzung angefangen - zunächst still und leise. Salentin, der seit mehreren Jahren wohnungslos ist, ist als Erstes in das Haus gegangen. Hat anderen davon erzählt. »Als gesagt wurde, jeder solle wegen Corona zu Hause bleiben, habe ich mich gefragt, wie obdachlose Menschen das tun sollen«, erklärt Salentin.

Mittlerweile leben über 20 Menschen in dem Haus. Jeder hat sein eigenes Zimmer. Manche wirken sehr provisorisch, viel mehr als eine durchgelegene Matratze gibt es nicht. Andere sind voll eingerichtet, unterscheiden sich nicht von normalen WG-Zimmern. Wie er seinen Raum gestaltet, dafür ist jeder Bewohner selbst verantwortlich. Sie seien wie eine große Wohngemeinschaft, so André Salentin, der so etwas wie der Hausmeister der Besetzer ist. Er treibt andere dazu an, sich an gemeinschaftlichen Aufgaben zu beteiligen. Am Dienstag wurde das Haus geputzt und an der Gemeinschaftsküche gewerkelt.

Dass heute noch in dem Haus gearbeitet und gelebt werden kann, war vor wenigen Tagen noch nicht klar. Die Stadt hatte von der Besetzung erfahren, und am 27. März standen Polizei und Ordnungsamt vor der Tür. Den Besetzern wurde eine dreitägige Frist gesetzt, das Gebäude zu verlassen. Sonst werde geräumt.

Salentin und seine Mitstreiter fingen an, Öffentlichkeitsarbeit für ihre Sache zu machen, sprachen Politiker, Initiativen und Medien an. In dem Haus gebe es viel Platz. Es sei dort leichter, sich vor Corona zu schützen als in einer überfüllten Notunterkunft. Eine Argumentation, der man sich auch bei der Stadt Köln nicht verschließen konnte. Der Kölner Sozialdezernent Harald Rau besuchte die Besetzung und musst zunächst feststellen, dass das Gebäude nicht vom Schimmel befallen ist, wie bei der Stadt angenommen wurde.

Außerdem habe Rau »den Eindruck gewonnen, dass sich die Gruppe um die Qualität der hygienischen Bedingungen kümmert und den Zusammenhalt in der Gruppe aktiv gestaltet«, wie es in einer Stellungnahme der Stadt heißt. Deswegen und wegen der Coronakrise sei die Stadt »ausnahmsweise von ihrer Haltung abgewichen, illegale Besetzung von städtischen Gebäuden nicht zu tolerieren«. Eine Auflage sei allerdings, dass die Besetzung sich nicht vergrößert. Dieser Auflage wollen die Besetzer nachkommen. Salentin und die anderen hoffen auf eine Perspektive über die Pandemie hinaus.

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