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Vor dem Virus sind nicht alle gleich

Schwarze in den USA sind etwa doppelt so häufig von Covid-19 betroffen wie Weiße

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Coronavirus macht weder vor Landes- noch Klassengrenzen halt, doch leiden einige stärker unter den Folgen und erfahren weniger Hilfe. Überall dort in den USA, wo es bereits nach »race« aufgeschlüsselte Covid-19-Daten gibt, wie es in den USA üblich ist, zeigen diese, dass Afroamerikaner deutlich stärker betroffen sind als Weiße.

Die Angaben, die von der Nachrichtenagentur Associated Press zusammengetragen worden sind, stammen aus acht Bundesstaaten, sechs Großstädten sowie sechs Landkreisen in Florida. Obwohl in den untersuchten Gegenden Afroamerikaner nur 21 Prozent der Bevölkerung stellen, sind sie mit 44 Prozent unter den 33 00 Todesopfern im Datensatz deutlich überrepräsentiert. Andere Untersuchungen zeigen ähnliche Befunde. Doch die Informationslage ist noch unvollständig. Deswegen fordert die National Association of the Advancement of Colored People (NAACP), dass überall in den Vereinigten Staaten Statistiken zum Thema veröffentlicht werden.

Seit Wochen hat die Bürgerrechtsorganisation mit rund 2200 Ortsgruppen im ganzen Land ihren Aktivismus weitgehend auf den Kampf gegen das Coronavirus in der Community umgestellt. »Die Pandemie hat die Ungleichheit, die überall in den USA herrscht, besonders deutlich bloßgestellt. Sie ist besonders groß im Gesundheitssektor und sie trifft vor allem Afroamerikaner dramatisch«, erklärte NAACP-Präsident Derrick Johnson. Die aktuellen Daten zur Covid-19-Betroffenheit seien nur »ein kleiner Blick« auf die Realität in der Community und auf die Probleme, die sie schon seit Jahrzehnten plage, so Johnson. Die NAACP fordert im Zuge der bereits laufenden Verhandlungen um ein fünftes Hilfspaket gegen die Coronavirus-Krise zusätzliche Mittel vom US-Kongress, damit der besonders betroffenen Community besser geholfen werden kann.

Es gibt drei konkrete Gründe, warum schwarze US-Amerikaner so stark unter Covid-19 leiden. Zum einen haben sie mehr Kontakt mit anderen Menschen, weil sie häufig in systemrelevanten Berufen arbeiten, etwa als Verkäufer und Busfahrer, im Bildungs- oder Gesundheitssystem. Zudem ist ein größerer Anteil von ihnen auf die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen und lebt in beengten Wohnungen - die Gründe dafür sind historische Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und jahrzehntelange Segregation. Zweitens sind in der Community Armut und daraus folgende Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes weit verbreitet - das Virus trifft also auf eine bereits verwundbare Gruppe. Schwarze sind zudem seltener krankenversichert und müssen, wenn zu spät entdeckte Krankheiten behandelt werden, mit schlechterer medizinischer Versorgung bei höheren Kosten rechnen.

Hinzu kommt in der Coronakrise noch ein weiteres Problem: Viele Schwarze misstrauen dem Staat und speziell weißen Medizinern. Das hat historische Gründe, wie etwa das rassistische »Tuskegee Experiment«. Bei dem medizinischen Versuch in einer Langzeitstudie von 1932 bis 1972 wurden im Bundesstaat Alabama 400 afroamerikanische Männer, die an der Geschlechtskrankheit Syphilis litten, untersucht - ohne dass sie darüber informiert wurden.

Das Experiment an den Männern, denen nur erklärt wurde, sie würden auf »schlechtes Blut« untersucht, ging auch dann weiter, als 1947 die Penizillin-Therapie zur Behandlung eingeführt wurde. Erst 1972 wurde das Experiment abgebrochen, nachdem eine Journalistin Informationen darüber öffentlich gemacht hatte. Zuvor hatte sie Hinweise von einem Mitarbeiter aus der US-Seuchenschutzbehörde erhalten. Noch 2006 zeigte eine Studie, dass in mehreren schwarzen Communities in Chicago die Vermutung herrschte, im Zuge routinemäßiger medizinischer Hilfe werde an schwarzen US-Amerikanern experimentiert.

Die NAACP arbeitet deswegen mit einer eigenen Aufklärungskampagne, um die afroamerikanische Community für die realen Gefahren durch Corona zu sensibilisieren. Tausende Menschen haben bei den virtuellen »Townhall-Sendungen« eingeschaltet, wo prominente Politiker und schwarze Autoren über das Thema reden. Vor Ort leisten NAACP-Ortsgruppen Hilfe, etwa durch das Verteilen von Schutzmasken.

NAACP-Präsident Johnson verbreitete bei einem Fernsehauftritt sowohl Trotz als auch die schwarze Bürgerrechtstradition des Selbstempowerments: »Weil die Regierung uns nicht hilft, müssen wir uns selbst helfen.« Und er verbreitet auch Zuversicht. Am Dienstag schickte Johnson ein Bild des berühmten schwarzen Appollo-Theaters in Harlem und dessen Ankündigungstafel über seinen Twitter-Account. Auf dieser war eine ermutigende Botschaft der schwarzen Hip-Hop-Legende Tupac zu lesen: »Keep ya head up!« - »Kopf hoch!«

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