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Sitzrave statt Exzess

Ein selbstverwalteter Club in Prenzlauer Berg feiert gegen den Untergang an

  • Von Jordi Ziour
  • Lesedauer: 4 Min.

»Wir sind immer noch im Krisenmodus«, sagt Anias Meier. Es ist Samstagnachmittag und er schiebt gemächlich einen Flughafengepäckwagen mit bunter Lichterkette und Hupe durch das stille »Mensch Meier«, einen selbstverwalteten Club in einem Gewerbegebiet an der Storkower Straße in Prenzlauer Berg. Der bärtige Mann mit Korkenzieherlocken, schwarzen Arbeitshandschuhen und kleinem Bierbauch ist heute der »Runner«: Er beliefert den Tresen mit kühlen Getränken aus dem Lager und räumt leere Flaschen weg. Sonst ist er für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich und spricht im Namen des Kollektivs Mensch Meier.

Wo sonst zerbrochene Glasflaschen liegen, stehen nun Werkbank und Farbeimer. Ein Blaumann hängt an der Wand, der Feuerlöscher ist staubbedeckt. Auf einem Kleiderständer hängen Klamotten, die nie abgeholt wurden. Sie wurden mit »Mensch Meier« bedruckt - zum Verkauf im Onlineshop.

»Die Party ist für uns ein Testballon«, sagt Anias. Das Clubkollektiv veranstaltet den Abend auch für sich, um mal wieder zusammenzukommen. Es sei »emotional wichtig, mal wieder was zu machen«. Karoline Lucks von der Programmplanungs-AG hofft, mit Veranstaltungen wie dieser Künstler*innen zukünftig eine Plattform bieten zu können.

Die Veranstaltung mit dem Namen »Meiers Datscha« findet ausschließlich im Garten des »Mensch Meier« statt. Überall auf dem fußballstrafraumgroßen Innenhof liegt Laub herum. Stachel- und Brombeeren, Bohnen und Äpfel sprießen aus umfunktionierten Einkaufswagen und Ölfässern. Blumentöpfe hängen an Drahtseilen über den Köpfen der Gäste. Klo und Bar befinden sich in zwei Containern. Die DJ*anes legen in einem ausrangierten Wohnwagen auf. Die Gäste sitzen auf Biergarnituren und alten Autositzen und wippen zur Musik, einige stehen und tanzen. Auch Tischtennis kann man spielen. »Rundlauf nur mit Maske«, aber »Haushalt vs. Haushalt ohne Maske«, steht auf einem Schild. Auf einem anderen: »Kellen vor Tausch desinfizieren«.

Anias Meier und Karoline Lucks sitzen an einem der Biertische. Karoline legt selbst Musik auf. »Der Laden und die Existenzen der Menschen sind am Abgrund«, sagt sie. »Wir haben alle, die wir konnten, in Kurzarbeit geschickt«, erzählt Anias. Für die 75 Minijobber sei es schwieriger. Beide wissen nicht, wie es weitergehen soll. »Es ist völlig utopisch, dass wir das nach Corona schaffen«, sagt Anias. »Wir werden als Laden teurer werden müssen«, befürchtet Karoline. Beide haben Angst vor dem Schuldenberg, der durch die Fixkosten entsteht. Von der Politik wünschen sie sich einen Schuldenschnitt: »Wir brauchen Zusagen von der Politik, um liquide zu bleiben.« Schließlich gibt es Zusagen, die Rettungspakete würden bis Ende es Jahres verlängert, allerdings decken sie die laufenden Kosten des Mensch Meier ohnehin nicht, berichtet Anias. Rund 40 der 140 Berliner Clubs haben das Soforthilfeprogramm IV des Berliner Senats beantragt. Das Mensch Meier ist einer davon.

Um 22 Uhr ist die 100-Leute-Marke erreicht. Ab jetzt werden weitere Gäste nur noch eingelassen, wenn andere gehen. Wer hinein möchte, muss zunächst mit 1,5 Meter Abstand warten. Ein- und Ausgang sind durch hüfthohe Zäune getrennt. Am Einlass stehen zwei Leute vom »Mensch Meier« mit Corona-Visieren. Türsteher*innen gibt es heute keine, seine Handykameras muss man selbst abkleben. Am Zaun steht Ali B., Corona- und Datenschutzbeauftragter. »Bitte einmal vollen Namen, Adresse und Telefonnummer oder E-Mail-Adresse eintragen. Die Zettel werden in einem Umschlag versiegelt, vier Wochen aufbewahrt und anschließend vernichtet«, sagt Ali B. »Und nur am Tisch ohne Maske, das ist ein Sitzrave.«

Anias schaut in die Menge. Er fragt sich, ob es noch was zu tun gibt: Flaschen einsammeln, die Bar befüllen. Ali B. läuft von Tisch zu Tisch und verkündet die letzte Runde. Es ist fast 24 Uhr, die Musik wird ruhiger. Kurz nach Mitternacht geht die Musik dann endgültig aus. Ali B. ruft: »Die Party ist vorbei!« Das Publikum klatscht und johlt »Zugabe!«

Anias sitzt auf einem Barhocker und lächelt den gehenden Gästen zum Abschied zu. »Pi mal Daumen hat es sich gelohnt«, sagt er. Und verkündet: »Ich habe Bock.« Aber ob es weitergeht, müsse das Kollektiv entscheiden. Denn die Kasse wird erst in den nächsten Tagen gezählt. Dann wird sich zeigen, ob es sich auch finanziell gelohnt hat.

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