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Wenn aus Wunschdenken Wirklichkeit wird

Existenzielle Fragen, mühelos zu lesen: Ida Petrats Debütroman »Die zwei Leben der Esther K.«

Jonathan und Esther sind unzertrennlich. Im Alter von zehn Jahren schwören sie sich in ihrem Geheimversteck, der Trauerweide im Garten, ewige Freundschaft. Es dauert nicht lange, bis Jonathan sich in Esther verliebt. Er malt sich ihr gemeinsames Leben aus: heiraten, zwei Kinder kriegen und in der ausgebauten Dachgeschosswohnung über den Eltern wohnen.

Sie aber träumt vom wilden Leben, frei von Verpflichtungen und fern der Kleinstadt. Die Pubertät stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Während Jonathan sich eine feste Beziehung mit Esther wünscht, fantasiert sie über sexuelle Abenteuer.

Die Autorin Ida Petrat führt uns in ihrem Debütroman »Die zwei Leben der Esther K.« mit Hilfe von Zeitsprüngen durch die Kindheit, Jugend und das Erwachsenenalter der Romanfiguren. Die beiden Lebenspläne, die unterschiedlicher kaum sein könnten, werden abwechselnd aus Jonathans und Esthers Perspektive beschrieben. Was als unschuldiger Jugendroman beginnt, stellt sich nach und nach als komplexe Verstrickung von Wunschrealitäten heraus. Eine existenzialistische Reise, bei der Imagination und Realität nur noch schwer zu unterscheiden sind.

Wie in Sartres berühmten Drehbuch »Das Spiel ist aus« stellt sich auch in Petrats Roman die Frage, ob der Mensch sein Schicksal in die Hand nehmen kann. Wirkt unser Leben wie vorherbestimmt oder gibt es eine Möglichkeit der Intervention? Können wir einen Lebensplan schmieden und diesen genauso umsetzen? Oder sind unser Schicksal und Dasein in Stein gemeißelt und wir agieren in unserem Leben wie Marionetten?

Die Autorin versucht, einen Weg zwischen Determinismus und freiem Willen aufzuzeigen: 30 Jahre nach ihrem gemeinsamen Schwur hat Jonathan seine Bilderbuchfamilie mit Esther gegründet. Doch mit der Zeit entpuppt sich sein Lebensmodell als Selbstlüge. Auch ihr Leben verläuft alles andere als geplant und mündet in wiederkehrenden Schuldgefühlen.

Das Buch verdeutlicht nicht nur den Abgrund zwischen Wunschdenken und Realität, sondern thematisiert auch das Älter- und Elternwerden: Das Zurückstecken der eigenen Bedürfnisse, das sich in selbstzerstörerischem oder treulosem Verhalten entladen kann. Der Wunsch nach Stabilität und Konstante gepaart mit der Sehnsucht nach Freiheit und jugendlichem Leichtsinn.

Trotz der existenziellen Fragen, die Ida Petrat aufwirft, liest sich ihr Roman aber mühelos. Sie bedient sich einer unverkrampften Alltagssprache in Form von Dialogen und Gedankengängen aus der Ich-Perspektive.

So unterschiedlich die beiden Protagonisten auch sein mögen, sie scheinen füreinander bestimmt. Könnten sie ein harmonisches Familienleben führen, wenn sie eine zweite Chance bekämen? Was, wenn sie ihre eigenen Träume zurückstellen und einen Mittelweg finden könnten?

Mit Fragen wie diesen gelingt der Autorin der Sprung von ihren Hauptfiguren hin zum universellen Bezug des menschlichen Daseins. Ein Roman für viele. Vor allem für diejenigen, die bis heute auf eine zweite Chance warten.

Ida Petrat: Die zwei Leben der Esther K., www.idapetrat.de, 203 S., brosch., 7,84 €

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