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»Wir wollen eine echte Tour der Frauen«

Am Rande der Frankreichrundfahrt gibt es jetzt noch weniger Frauen. Auf dem Podium ist das gut, auf der Straße aber schlecht

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenig Zuschauer hat der Auftakt der Tour de France. Extra aus Berlin angereist ist aber Tamara Danilov. Sie ist Fahrradkurierin, Fahrradenthusiastin und Psychologiestudentin. Und sie hat ein Anliegen. »Girls just wanna race, too« hat sie auf eine leere Pizzaschachtel geschrieben und ist damit zum Grand Depart nach Nizza gekommen. Dort fand am Samstag zwar auch La Course statt, das Frauenrennen, dass der Tourausrichter ASO seit 2014 in Verbindung mit der Tour de France der Männer veranstaltet. Aber das Frauenrennen dauert meistens nur einen oder zwei Tage. In diesem Jahr war es schon beim Auftakt zu Ende, die Britin Elizabeth Deignan schob sich im Sprint auf den letzten Metern an Vorjahressiegerin Marianne Vos vorbei und gewann.

Für Danilov ist das zu wenig. »Wir wollen eine echte Tour de France der Frauen, genauso viele Etappen wie die Männer, am gleichen Tag, nur mit einem gestaffelten Start. Und mit den gleichen Fans an der Strecke und der gleichen Fernsehpräsenz«, sagt sie. Für 2022 hat Weltverbandspräsident David Lappartient ein Etappenrennen in Frankreich, eine Tour de France der Frauen, in Aussicht gestellt. »Sie werden wahrscheinlich ein paar mehr Etappen machen als jetzt, aber sicher nicht das volle Programm«, bleibt Danilov skeptisch. Und deswegen protestiert sie, gemeinsam mit ihrem Freund Dennis, ebenfalls Fahrradkurier und dazu gelernter Radmechaniker.

Rückenwind gab ihr jüngster Erfolg: Im Mai 2019 hatten Radsportlerinnen um Danilov eine Petition zur Abschaffung der Podiumgirls gestartet. Das sind Models, die den Siegern Blumen überreichen und ihnen die Lippen auf die Wangen drücken. Frauen als Staffage, wie sonst auch bei Messen und anderen Veranstaltungen dieser Art. Sie sollen ihren Körper präsentieren und lächeln, das war’s. Den Podiumsfrauen bei der Tour war sogar vertraglich verboten, mit den Fahrern zu reden. Nicht jede hielt sich daran. Es gab auch Ehen zwischen Radprofis und Hostessen.

Danilov hält das zu Recht für antiquiert. Auslöser für ihr Engagement war das Berliner Sechstagerennen. »Da waren wir oft. Und uns störte, dass das wie ein Event für alte Säcke organisiert war, mit Podiumgirls auch hier. Wir dachten, das passt doch gar nicht zu einer so modernen und offenen Stadt. Wir wollten erst eine Petition an den Veranstalter des Sechstagerennens starten. Aber dann dachten wir, warum nicht mit dem größten Rennen der Welt beginnen? Wenn die ihre Podiumgirls abschaffen, werden sich alle anderen Rennen danach richten«, beschreibt Danilov die Anfänge.

Die Kampagne fand viele Unterstützer. Nach der Tour 2019 suchte die Gruppe auch die ASO in deren Pariser Hauptquartier auf. »Sie sagten uns, dass Christian Prudhomme kommen werde. Aber er kam dann doch nicht aus seinem Büro«, erzählt Danilov.

Gewirkt hat die Kampagne dennoch. Zehn Tage vor Tourstart verkündete die ASO, dass die Siegerehrungen künftig von je einem Mann und einer Frau vorgenommen werden. »Es war ein überraschender Erfolg. Wir freuen uns sehr«, sagt Danilov. Bis es eine Tour de France der Frauen gibt, will sie aber weiter Druck ausüben. Nur nicht mehr in Nizza. Am Sonntag steigt sie selbst aufs Rad. Ein Trip an der Mittelmeerküste bis Genua steht auf dem Programm.

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