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Etwas Scham statt Verantwortung

Die katholische Kirche will sich weiter um Konsequenzen für Bischöfe drücken, meint Jana Frielinghaus

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 3 Min.

Verbale Aufgeschlossenheit bei ausgeprägter Verhaltensstarre: Anders lässt sich das Agieren des Klerus bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals kaum charakterisieren. Die Kirchenoberen reden viel von Scham, die sie angesichts tausendfach von Geistlichen begangener Sexualverbrechen an Kindern empfänden. Doch persönliche Konsequenzen hat bislang kein katholischer Bischof gezogen. In der evangelischen Kirche war es einzig Maria Jepsen, die wenige Tage nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in Ahrensburg 2010 als Bischöfin von Hamburg zurücktrat.

Nichts dergleichen ist bislang im aus Rom regierten Männerclub passiert. Die von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Auftrag gegebene und 2018 veröffentlichte MHG-Studie zum Missbrauch in den deutschen Diözesen erfasst nur jene Opfer und Täter, deren Namen zwischen 1946 und 2014 innerkirchlich aktenkundig geworden sind. Allein dies sind 1670 Kleriker, die mutmaßlich mindestens 3677 Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Es kommen 1400 weitere Menschen hinzu, die von Ordensleuten gequält wurden. Die an der Studie beteiligten Wissenschaftler selbst sprachen von einem großen »Dunkelfeld«. Die Forscher konnten nur auf von der DBK bereitgestellte Datensätze zugreifen. Genau das kritisierte im Februar der Kriminologe Christian Pfeiffer scharf. Er sollte das Projekt ursprünglich leiten. Weil ihm der freie Zugang zu allen Archiven verwehrt wurde, kam es 2012 zum Bruch. Pfeiffer macht insbesondere Reinhard Marx, bis zum März Vorsitzender der DBK, schwere Vorwürfe. Er habe »mit all seiner Macht dafür gesorgt, dass wir nicht forschen konnten«. Dabei sei es ihm offenbar auch um den Schutz seines Vorgängers im Amt des Erzbischofs von München und Freising, Ex-Papst Josef Ratzinger, gegangen - und um seinen eigenen.

Dabei ist Vertuschung wohl die Hauptursache für das Ausmaß des Leids. Denn die Täter wurden von ihren Vorgesetzten gedeckt. Über Jahrzehnte wurden sie immer wieder versetzt und konnten so in vielen Gemeinden ihr Unwesen treiben. Sie suchten sich dabei gezielt Kinder aus armen und großen Familien aus, denen es an Zuwendung fehlte. Diese Mädchen und Jungen schwiegen, weil sie wussten, dass ihnen niemand glauben würde oder weil sie sich selbst die Schuld für das gaben, was ihnen widerfuhr.

Die heutigen Bischöfe, von denen die meisten im Laufe ihrer Karriere auch Generalvikare waren, also Personalchefs der Bistümer, müssen von Missbrauchsfällen in ihrem Verantwortungsbereich gewusst haben. Für Thomas Schüller, katholischer Theologe und Kirchenrechtler an der Uni Münster, ist es »eine Schutzbehauptung«, wenn sie sagen, dies sei nicht der Fall. Es sei faktisch »auszuschließen«, dass sie nichts mitbekommen hätten, sagte Schüller dem Deutschlandfunk im Mai.

Nun also das vermeintlich großzügige Angebot, den Opfern auf Antrag »Ausgleichszahlungen« von bis zu 50 000 Euro zu gewähren - zehn Jahre nach Bekanntwerden des Skandals. Den individuellen »Anspruch« soll ein mit kirchenunabhängigen Fachleuten besetztes Gremium ermitteln. Tatsächlich ist das Angebot unangemessen gering - und wegen des für die Antragstellung nötigen Schilderns des Erlebten mit Retraumatisierungen verbunden. Der Betroffenenverband »Eckiger Tisch« erinnerte daran, dass die unabhängige Kommission zu sexuellem Missbrauch 2019 Schmerzensgeldzahlungen zwischen 40 000 und 400 000 Euro empfohlen hat. Diese Summe müsse zur Grundlage von Gesprächen zwischen Betroffenen und Bischöfen gemacht werden. Doch die DBK will die finanziellen Belastungen für die Kirche offenbar so gering wie möglich halten. Und sie spielt auf Zeit, denn viele Betroffene sind inzwischen hochbetagt, viele weitere sind bereits verstorben.

Vor allem aber mauern die Bischöfe dort, wo sie ihre eigene Schuld bekennen müssten. Deshalb müsste die Politik sich endlich einmischen. Schließlich geht es um Sexualverbrechen einerseits und um Strafvereitelung im Amt andererseits. Dass sie das noch immer nicht tut, dürfte mit den hervorragenden Verbindungen des Klerus in Bundesregierung und Parlament zu tun haben.

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