Klimasünder und -schutzengel

SIEBEN TAGE, SIEBEN NÄCHTE: Was Schutzengel, Hartz 4 und Klima gemeinsam haben

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 2 Min.

Die Welt ist voller Gefahren für den Menschen, weswegen er eine ganze Reihe von Dingen zu seinem Schutz erfunden hat: Schutzhelme mindern die Wirkung des Aufpralls, Schutzbleche halten den Dreck fern, die derzeit verbreiteten Schutzmasken bewahren uns gegenseitig vor unseren Viren. Aus der Mode hingegen sind Schutzengel, eine besondere Form des Himmelsbewohners, der als eigens zum Schutz bestimmter Personen oder Orte zugeteilt galt, eine Art seelischer Bodyguard. Und wie die unterbezahlten Beschäftigten des Security-Gewerbes heutzutage zählte er - zumindest für Thomas von Aquin - zu den niederen Engeln. Denn Schutzengel kümmern sich um Unwichtiges, nämlich um die Unversehrtheit der Menschen.

Verbreitet waren Schutzengel in den Köpfen der Christen bis zum 17. Jahrhundert, so die Online-Enzyklopädie Wikipedia, danach wurde ihre Existenz schrittweise nur noch symbolisch verstanden. Doch hält sich der Glaube bis heute. So listet die Internetseite www.wunderweib.de »7 Zeichen, dass ein Schutzengel über dich wacht«, auf. Solche Zeichen können ein bestimmter Geruch sein, eine Lichtreflexion, das vermehrte Auftreten von Federn oder auch eine plötzliche Veränderung der Temperatur: »Warmer Hauch oder eine plötzliche kalte Brise - das kann ein Engel sein.«

Oder auch der Klimawandel. Er gilt heute als die wohl größte Gefahr für die Menschheit. Um gegen ihn anzugehen, wird allerorten Klimaschutz versprochen, wobei hier der Begriff »Schutz« eine kreative Erweiterung erfährt. Denn unter Klimaschutz firmieren alle Maßnahmen, die den Ausstoß jener Gase begrenzen, die den Klimawandel verursachen, wobei allen Experten klar ist, dass die bisher getroffenen Begrenzungsmaßnahmen nicht ausreichen. Das bedeutet: Eine geringere Schädigung des Klimas gilt bereits als dessen Schutz - das ist in etwa so, als würde jemand, der sein Kind seltener schlägt, sich als Kinderschützer feiern lassen.

Ähnlich großzügig wird das Schutzkonzept im Falle von Hartz IV ausgelegt. Das Arbeitslosengeld II, so werden die verschiedenen Bundesregierungen nicht müde zu betonen, schütze vor Armut. Zwar ist zutreffend, dass die Bezieher mit dem Arbeitslosengeld II mehr haben als ohne dieses. Wahr ist aber auch, dass Hartz IV nicht vor Armut schützt, sondern Arme schafft. Denn es ist schlicht zu gering.

Schutzengel befanden sich seit dem 17. Jahrhundert auf dem Rückzug. Zwar glaubten laut einer Forsa-Umfrage im Jahr 2005 noch zwei Drittel aller Deutschen an ihre Existenz. Der Katholische Erwachsenen-Katechismus bezeichnet dies jedoch als »verniedlichende Form eines falschen Kinderglaubens«. Da haben Schutzengel und praktizierter Klimaschutz doch etwas gemeinsam.

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