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Sieben auf einen Streich

Frauen aus der DDR erzählen ihre Geschichte - sie berichten von Verlusten und Gewinnen nach 1990

Wie kaum ein anderer Staat jüngster Geschichte ist die Deutsche Demokratische Republik in den letzten drei Dezennien nach ihrem Verschwinden bis in ihre tiefsten Poren hinein er- und ausgeforscht worden, mit jeweils unterschiedlicher Konnotation und Wertung. Von staatlichen Strukturen, Politaristokratie und Parteihierarchie, inklusive Jagdlust oder Liebesleben der SED-Generalsekretäre Walter Ulbricht und Erich Honecker, über »geheime Machenschaften« etwa der KoKo, der »Kommerziellen Koordinierung« des Alexander Schalck-Golodkowski, die Unterwanderung der Bundesrepublik durch die HVA des Markus Wolf und hypertrophierten Sicherheitswahn im Inneren bis hin zur Vorliebe von DDR-Bürgern für FKK und den »Blauen Würger«. Auch der »VEB Prostitution« war der forschenden und publizierenden Zunft einige Aufmerksamkeit wert. Alltag, Anspruch und Anforderungen, Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der Frauen in der DDR bleiben indes bis heute stiefmütterlich behandelt, kaum beachtet, Dafür interessieren sich nur einige linke Autorinnen, sei es mit sozialistisch-einheitsparteilichem, bürgerrechtlich-dissidentischem oder sozialdemokratischem Hintergrund.

Der Anfang vergangenen Jahres vielfältig begangene 100. Jahrestag des in der deutschen Novemberrevolution erkämpften Frauenwahlrechts scheint eine erfreuliche Wende bewirkt zu haben. Jedoch durchkreuzt nunmehr die zu Erfahrungen von Ostfrauen geplanten Veranstaltungen Corona - übrigens ein alter deutscher Vorname, den eine schauspielernde Muse von Goethe trug, Corona Schröter aus Guben, und der sich heute wieder Beliebtheit bei werdenden Eltern erfreut. Angedacht und angefangen wurden von zwei konträren Veranstaltern Diskussionsrunden mit Zeitzeugen, die nun jedoch nur online stattfinden können.

Bei den von der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur unter dem Motto »Unangepasst. Repressionserfahrungen von Frauen in der DDR« ausgerichteten Werkstattgesprächen geht es vor allem um jene Frauen in der DDR, die dem sozialistischen Ideal von der in Vollzeit erwerbstätigen Mutter nicht entsprachen, das auch im sozialistischen deutschen Staat teils noch fortbestehende weibliche Rollenbild respektive generell die herkömmliche Geschlechterordnung infrage stellten und darob soziale Ausgrenzung und staatliche Repression erlitten. In der vergangenen Woche etwa erinnerten die Kunstwissenschaftlerin Angelika Richter und die Künstlerin und Autorin Elske Rosenfeld an unangepasste Künstlerinnen in der auch in der DDR männerdominierten Kunstszene. In einer folgenden Veranstaltung soll jener Frauen gedacht werden, die nach Paragraf 249 StGB der DDR (»Gefährdung der öffentlichen Ordnung«) mit dem Stigma von Asozialiät behaftet waren.

Anders der Ansatz des Erzählsalons, zu dem die Edition Rohnstock Biografien einlädt, und zwar jeden Dienstag ab 18 Uhr zu einem speziellem Thema. Am Dienstag dieser Woche erzählten sieben ostdeutsche Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft ihre Geschichte. Schon die biografischen Angaben verraten viel über die Stellung der Frau in der DDR-Gesellschaft, die wesentlich emanzipierter war als die ihrer Geschlechtsgenossinnen in der Bundesrepublik. Zugleich bezeugen sie Verluste wie Gewinne nach der deutschen Vereinigung.

Ulli Wittich-Großkurth aus Jena, Jahrgang 1932, war in der DDR eine erfolgreiche Töpferin; ihre 1957 gegründete Werkstatt führt nunmehr ihr Sohn weiter. Kristin Wardetzky aus Unterwellenborn, 1942 geboren, arbeitete als Dramaturgin am Theater der Freundschaft in Berlin (Ost) und forschte über die Bedeutung der Märchen für die psychische Entwicklung des Kindes, ab 1991 als Professorin an der Universität der Künste des wiedervereinten Berlin. Maria Strathausen, Jahrgang 1950, aus Heiligenstadt, gelernte Radiologieassistentin, hat nach der Wende in den Handwerksbetrieb ihres Mannes gewechselt, sich mit Buchhaltung rumgeschlagen und gehörte dann zu den Mitbegründerinnen des Landesverbandes Unternehmerfrauen in Thüringen.

Die 1955 in Brandenburg als eine der letzten Hausgeburten in der DDR zur Welt gekommene Barbara Hackenschmidt war Lehrerin für Polytechnik, avancierte nach 1990 zur Büroleiterin von Regine Hildebrandt in Finsterwalde, saß von 2004 bis 2019 für die SPD im Landtag und ist 2. Vorsitzende der Ost-West-Frauenbrücke. Sie berichtet, dass sie als Tochter von Akademikern, Tierärzten, zunächst in der DDR nicht zum Abitur zugelassen worden war und eine kaufmännische Ausbildung aufnehmen musste. Die Mutter von zwei Kindern bekennt, erst durch die Wende politisiert worden zu sein. Sie engagierte sich im kirchlichen Bereich und seit 1992 in der SPD. Interessant ihre Verteidigung des polytechnischen Unterrichts an den Erweiterten Oberschulen der DDR (EOS): »Das war wichtig und fehlt heute.« Jugendliche in der DDR hätten durch den Unterrichtstag in der Produktion (UTP) erfahren, »was Arbeit bedeutet«. Spezifische Frauenprobleme habe sie selbst erst im vereinten Deutschland wahrgenommen, da Gleichberechtigung und Frauenrechte in der DDR selbstverständlich waren. Nun aber galt es gar wieder gegen den Paragrafen 218 zu demonstrieren. »Wir müssen es schaffen, mehr Frauen in die Politik zu bringen«, sagt Barbara Hackenschmidt, die nicht bereit ist, gesellschaftlich relevante und vor allem Frauen betreffende Entscheidungen »alten weißen Männern im Bundestag« zu überlassen.

Die gelernte Kosmetikerin Martina Paulke, gebürtige Berlinerin, 1959 geboren, hat sich nach dem Untergang der DDR selbstständig machen müssen, versuchte dies mit einer Drogerie, dann Kleiderläden, um heute wieder in ihrem ersten Beruf tätig zu sein. Ähnliche Erfahrungen machte Rita Müller aus Pasewalk, Jahrgang 1966, dereinst in einer HO-Kaufhalle Fleischverkäuferin und Kassiererin, nach der Wende arbeitslos; sie probierte sich als selbstständige Kurierfahrerin, ging bankrott und fand dann nur noch eine Anstellung in einem Call-Center. Die gebürtige Dresdenerin und promovierte Soziologin Sarah Eckardt, geboren 1986 und ergo der letzten DDR-Generation zugehörig, hatte mehr Glück, sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Erfurt.

»Es gibt im Osten grundsätzlich andere Erfahrungen als im Westen«, begründet die 1959 geborene Katrin Rohnstock ihre Erzählsalons: »Um diese Erfahrungen zu erkunden, müssen sie artikuliert werden.« Die Veranstaltungen sind bis weit in das kommende Jahr hinein konzipiert. Bei den wegen des Teil-Lockdowns nur digital stattfindenden kann mitdiskutiert werden. Es wird später unter anderem auch über Wohnen, Sport, Reisen und Umwelt in der DDR gehen.

Rohnstock-Erzählsalons per Youtube: 10.11. »Familie«, 17.11. »Arbeit«, 24.11. »Demokratie«

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