So nah, so fern

Bei der Tagung »Postpandemisches Theater« im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus wurde über eine mögliche Zukunft des darstellenden Spiels und des Theaters als Ort der Zusammenkunft diskutiert

  • Von Lara Wenzel
  • Lesedauer: 5 Min.

Theater ist ein geteilter Augenblick, »bei dem Akteure und Spieler die Luft des identischen Lebensmoments atmen«, schreibt der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann in seinem Essayband »Politisches Schreiben«. Was vor wenigen Monaten noch als der Normalzustand der Theatererfahrung galt, ist vor dem Hintergrund einer globalen Pandemie grundsätzlich infrage gestellt. Die Aerosole der Sitznachbarin einzuatmen, soll nun unbedingt verhindert werden. In den Sommermonaten wurden erste eher pragmatische Lösungen für die Situation gefunden. Viele sehnten sich nach Kopräsenz und bekamen sie bei Audio-Walks mit 1,5 Metern Abstand oder versprengt in den Sitzreihen. Jetzt sind die Theater abermals geschlossen, und es drängt sich die Frage auf, wie Theater als Ort der Zusammenkunft neu gedacht werden kann und muss.

Im dreitägigen Online-Symposium »Postpandemisches Theater«, ausgerichtet vom Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin, diskutierten Theatermacher*innen mit Philosoph*innen und Kulturpolitiker*innen mit Architekt*innen, wie ein zukunftsgerechtes Theater in digitalen und analogen Räumen aussehen könnte. Die Veranstalter*innen Christian Rakow, Sophie Diesselhorst und Cornelius Puschke setzen damit eine Auseinandersetzung fort, die sie im kürzlich bei der Heinrich-Böll-Stiftung erschienenen Band »Netztheater. Positionen, Praxis, Produktionen« begonnen haben. Durch die Diskussionsrunden vom 11. bis 13. November um Versammlungsorte, neue Architekturen und digitale Kunstformen zog sich die Frage, ob das Theater die Präsenz überhaupt braucht und was im digitalen Raum preisgegeben wird.

Der Medientheoretiker und -künstler Peter Weibel vertrat in seinem Grundsatzvortrag die radikale These, die Pandemie markiere einen Umschlag von der Nah- in die Ferngesellschaft. Die auf dem Symposium immer wieder aufgegriffene Position führte er bereits im März in einem Essay in der »Neuen Zürcher Zeitung« aus. »In der Nahgesellschaft braucht jede Botschaft den Körper des Boten.« Das beziehe sich nicht nur auf den Briefträger, sondern auch auf das Virus, das beschleunigt durch die Globalisierung von den Menschen als schlechte Nachricht verteilt wird. Dagegen setzte er ein Plädoyer für die Telekommunikation, mit deren Hilfe Botschaften mit Abstand übertragen werden können. Frank Hentschker vom Martin E. Segal Theatre Center in New York bemerkte daraufhin, dass schon die Götter Nachrichten im Traum verschickten. Die von Weibel gegenübergestellten Gesellschaften haben ihm zufolge immer schon gemeinsam gewirkt, ein Paradigmenwechsel sei nicht in Sicht.

Ferne bleibt dennoch eine akute Notwendigkeit. Was bedeutet das Abstandsgebot für die Theaterkunst? Eine Kostprobe dessen lieferte das Staatstheater Augsburg, das Virtual-Reality-Formate für den Hausgebrauch anbot. Tina Lorenz, Projektleiterin für Digitale Entwicklung am Haus, sieht darin die logische Ausweitung in den virtuellen Raum, der längst ein Teil unser aller Leben ist. Philosoph Armen Avanessian ist kein Apologet des Digitalen. Wie in seiner Theoriereihe »Armen Avanessian & Enemies« an der Berliner Volksbühne sprach er sich dafür aus, die Not zur Tugend und neuere Technologien produktiv zu machen.

Unter dem drastischen Paneltitel »Die Krise der Versammlung« verabschiedete er das Phantasma der Präsenz, das antikes wie postdramatisches Theater und die politische Versammlung durchzieht. Durch eine »wilde institutionelle Ausweitung« hin zu neuen Formen der digitalen Versammlung könnten Menschen eine Stimme bekommen, die bislang nicht gehört werden. Die virtuelle Zusammenkunft dürfe nicht mehr als Interimslösung betrachtet werden. Vielmehr ist eine Durchdringung von Nah- und Ferntheater die Strategie für die Zukunft. Dass Avanessian sich nicht für eine komplette Verschiebung in den digitalen Raum aussprach, sondern für Hybridität plädierte, schien die Intendantin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters Shermin Langhoff überhört zu haben. »Warum beklatscht man jetzt schon, dass wir sterben?«, fragte sie auf die »Zukunftsweissagungen« Weibels und Avanessians. Natürlich lehne sie den Fortschritt nicht grundsätzlich ab, aber Präsenz und Repräsentation im öffentlichen Raum, wie sie auch bei Demonstrationen wirkt, müsse verteidigt werden. Öffentliche Proteste oder gar das Theater abschaffen, versicherte Avanessian, wolle er nicht.

Während die Diskussion um digitale Räume sehr spekulativ blieb, wurde es im Panel über coronakonforme Theater konkreter. Im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main installierte man bereits einen Entwurf des Architekten Benjamin Foerster-Baldenius. In einer entstaubten Version des Logentheaters, der barocken Form des »Social Distancings«, sitzen je zwei Zuschauer*innen in einer der kreisförmig angeordneten Kabinen aus Lehm. Statt auf Separation setzte das Konzept von Janina Audick, Professorin für Bühnenraum an der Berliner Universität der Künste, auf Gemeinschaftsgefühl trotz Abstand. Gemeinsam mit Studierenden ließen sie die zentrale Spielstätte des Berliner HAU Hebbel am Ufer zu einem »Theater als Antikörper« mit mobilen Sitzmodulen im Parkett mutieren, in das der Corona-Antikörper als Bühne hineinragt.

Neben diesen Umbauten hat das HAU wie die Münchner Kammerspiele eine vierte digitale Sparte eingerichtet. Matthias Lilienthal, ehemaliger Intendant beider Häuser, nannte die Kammer 4 einen Erfolg mit Defiziten. Dass die Kommunikation des Ferntheaters anders und meist hierarchischer reguliert ist, zeigte sich auch in der Konferenz. Noch kann bei einem Zoom-Schauspiel der Saal nicht türenknallend verlassen oder tosender Applaus gegeben werden. Das Klatsch-Emoticon kennt keine Nuancen. Ein Zwischenruf wie eine hitzige Diskussion wird durch das System verhindert. Sobald zwei Personen sprechen, wird es unverständlich. Deshalb hieß es beim Publikumsgespräch, bei dem diese Fragen gestellt wurden, immer: alle schön nacheinander. Entweder brauchen virtuelle Formate noch Zeit, um das Impulsive am Theaterbesuch zu kompensieren, oder es bleibt der Nahgesellschaft vorbehalten. Auf jeden Fall müssen eigene Plattformen jenseits der monopolistischen Großkonzerne Facebook und Youtube her, warf eine Zuschauerin kritisch ein.

Ein reines Online-Theater prognostizierten die wenigsten auf dem Symposium. Dafür sind weder die technischen Voraussetzungen weit genug noch kompensiert es annähernd eine reale Begegnung. Es bleibt zu hoffen, dass Lilienthals Vorschlag, Theater als »letzte kommunistische Wärmestube« zu denken, in der Nähe wieder gelernt werden kann und Umsetzung findet. Ein Gutes hat das Online-Format dann doch. Alle Gespräche können auf dem Youtube-Kanal des Literaturforums im Brecht-Haus nachgeschaut werden.

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