Burnout und »Rücken«, dann Frührente

Die Pflegekrise zeigt sich auch in einem deutlich höherem Krankenstand bei den Beschäftigten

  • Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Wäre die Arbeitssituation besser und damit auch die Gesundheit der Pflegerinnen und Pfleger, gäbe es auf einen Schlag 26 000 mehr Menschen in dieser Beschäftigtengruppe. Sie könnten zusätzlich 50 000 Menschen versorgen. Der Barmer-Pflegereport, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, zeigt, dass die an Kranken- und Pflegebett Tätigen deutlich häufiger krank und öfter früher verrentet werden als viele andere Berufstätige.

Zwischen 2016 und 2018 waren nach dieser Untersuchung auf Basis der Routinedaten der Barmer-Krankenversicherung 8,7 Prozent aller Hilfskräfte und 7,2 Prozent der Fachkräfte in der Altenpflege krankgeschrieben. In anderen Berufen lag der Krankenstand bei fünf Prozent. Außerdem mussten die Pflegekräfte häufiger und länger im Krankenhaus behandelt werden als andere Erwerbstätige. Letzen Endes führen gesundheitliche und psychische Belastungen dazu, dass überdurchschnittlich viele Menschen in diesem Bereich nicht bis zur Rente berufstätig sind. Hier sind die Frühverrentungen prozentual doppelt so hoch wie in den übrigen Berufen. Bei all den genannten Kriterien sind die Hilfspflegekräfte noch stärker betroffen als examinierte Fachpflegekräfte.

Barmer-Vorstand Christoph Straub wies auf den Teufelskreis zwischen Überlastung und Krankmeldung hin: »Wenn die Beschäftigten ausfallen, werden Kolleginnen und Kollegen zusätzlich belastet.« Das wird aktuell noch einmal besonders deutlich, wie Straub ergänzt. Anfang November waren fünf Prozent der krankgeschriebenen Pflegekräfte wegen Covid-19 nicht arbeitsfähig. Wie groß der Personalmangel in der Realität ist, zeigen Zahlen aus einer weiteren kleinen Umfrage bei Pflegeheimen von Mai dieses Jahres, an der sich 800 Einrichtungen beteiligten. Dort gab es bis zu 30 Prozent Personalausfall durch Krankschreibungen, Quarantäne oder Kinderbetreuung; der Ausfall lag im Durchschnitt der Heime bei zehn bis 15 Prozent. Eine weitere Zuspitzung erfuhr die Situation durch Hygieneauflagen, nach denen deutlich weniger oder gar keine Besucher mehr zugelassen wurden. Die Hilfsleistungen der Angehörigen fielen dadurch auch weg, so dass die zusätzliche Belastung für die Pflegekräfte bei bis zu einer Stunde pro Schicht lag.

Gegen die Misere sind bereits etliche Maßnahmen in der Diskussion, auf die auch Barmer-Vorstand Straub setzt: Die Durchsetzung von Tariflöhnen steht für ihn dabei weit vorne. Auch Investitionsverpflichtungen der Bundesländer für den Pflegebereich seien wichtig. Höhere Aufmerksamkeit fordert Straub in Sachen betriebliches Gesundheitsmanagement. Aus seiner Sicht existieren gute Trainings- und Präventionsprogramme für die hauptsächlichen Probleme. Das sind Erkrankungen des Muskel- und Skelettapparates, kurz gefasst »Rücken«, sowie psychische Belastungen, die etwa in einen Burnout münden. Angeboten werden die Programme und Kurse aber nur in jeder zweiten stationären Pflegeeinrichtung, moniert Studienautor Heinz Rothgang von der Universität Bremen.

Zur Verbesserung der Personalausstattung ist seit Sommer ein Bemessungsinstrument für die vollstationäre Altenpflege in Anwendung - aber noch weiß niemand, wie die mehr als 100 000 nötigen zusätzlichen Stellen besetzt werden können. Demnach sind vor allem mehr Assistenzkräfte gefragt, die zu einer Entlastung der Fachpflegekräfte beitragen können. Für diese gelten in den Bundesländern Ausbildungszeiten zwischen einem und zwei Jahren, manche Länder bilden in dem Bereich überhaupt nicht aus. Es geht bei dem fehlenden Personal also nicht um ungelernte Kräfte. In diesem Zusammenhang sprach sich Straub auch gegen Zwangsverpflichtungen etwa über einen bundesweiten Sozialdienst aus, der ebenfalls kaum qualifiziert wäre. Der Aufwertung des Berufsbildes Pflege würde das nur schaden.

Gesundheitsökonom Rothgang verweist darauf, dass eine Aus- und Weiterbildungsinitiative erst in frühestens fünf Jahren ihre volle Wirkung entfalten könne. Die Situation könnte zusätzlich verbessert werden, wenn, ähnlich wie in der Krankenhauspflege, mehr Stellen finanziert würden. Das wiederum setzt voraus, dass die Pflegeversicherung in dieser Frage neu aufgestellt wird. Die Deckelung der Eigenanteile für die stationäre Pflege sei ein richtiger Schritt, wenn auch über den Betrag von 700 Euro noch diskutiert werden könne. Denn mehr Personal und bessere Qualität in der Pflege dürften nicht eine Frage des privaten Vermögens sein.

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