Kauft, Leute!

Leo Fischer gelobt feierlich, seine patriotische Pflicht künftig besser zu erfüllen

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Viel zu selten nutzt man als Kolumnist die Möglichkeit, öffentlich Abbitte zu leisten, einen Fehler einzugestehen und Besserung zu geloben. Ich möchte das hier ausnahmsweise tun: Ich habe versagt, als Mensch, vor allem aber als Konsument. Letzten Mittwoch habe ich mir gedankenlos im Rewe eine Mikrowellenmahlzeit gekauft. Eine Mikrowellenmahlzeit - und nichts weiter. Zu spät, viel zu spät habe ich den vorwurfsvollen Tonfall der Kassenperson bemerkt, die unausgesprochene Anklage in ihrem Satz: »Ist das alles?«

Erst auf dem Weg nach Hause fiel es mir auf: Oh Gott, was habe ich getan? Ich habe lediglich für den unmittelbaren Bedarf konsumiert! Einfach ein Grundbedürfnis befriedigt. Und ich erinnerte mich daran, dass Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in einem Interview mit der »Bild«-Zeitung dekretiert hatte: Einkaufen ist eine patriotische Aufgabe. In diesem Interview, in welchem uns der Minister, ein erwachsener Mann, u.a. auch anvertraut, dass er beim Besuch von Baumärkten »einfach herrlich entspannen« könne, definiert er den »Erhalt des stationären Handels« als eine »nationale, ja auch eine patriotische Aufgabe«. Durch meine Kaufzurückhaltung im Rewe hatte ich mich also indirekt am Vaterland versündigt, die scheelen Blicke von der Kasse galten auch meinem mangelnden Patriotismus.

Peter Altmaier hat recht: Euros müssen rollen für den Sieg gegen Corona! Wenn das Weihnachtsgeschäft auch nur ein Zehntelpromill zurückgeht, hat das Virus schon gewonnen! Natürlich, laut Statistik hat das Bruttosozialprodukt durch die Pandemie praktisch kaum gelitten. Wie denn auch, war ja fast alles erlaubt! Aber angesichts von fast 500 erbärmlich Krepierten täglich jetzt plötzlich weich zu werden, im kriegsentscheidenden Weihnachtsgeschäft Konsumschwäche zu zeigen, das wäre doch wirklich das falsche Signal! Ich bin überzeugt: Manch eine Großmutter da draußen würde freudig die Infektion riskieren, ihr Leben gar, wüsste sie, dass der Vorstandsvorsitzende von Rewe sich über Weihnachten keine Sorgen um die Abschlussbilanz machen muss.

Die Bundesregierung geht hier einen schwierigen Weg. Einerseits müssen, na klar, Menschen irgendwie geschützt werden. Andererseits sind immer noch ein paar Intensivbetten frei! Und Weihnachten ist ja auch Fest der Liebe, der Liebe zu zehn Personen aus mehreren Haushalten, die man nur aus Liebe einem tödlichen Infektionsrisiko aussetzt. Mit einem hemdsärmeligen, ja metzgermäßigen Pragmatismus müssen Menschen wie Peter Altmaier jeden Tag neu justieren: Wie viele Tote ist uns das unbeschwerte Entspannen im Baumarkt heute wert?

Die Seuche tobt in Deutschland munter weiter, weil man sich ja auch schon länger wieder von Querfront, Springer und Einzelhandelsriesen die Agenda diktieren lässt statt von der Wissenschaft, dem Klinikpersonal oder nur der Menschenliebe. Die humanisierende Kraft des Kapitalismus zeigt sich besonders stark dort, wo für das entspannende Heimwerkeln eines Peter Altmaier Notfall-OPs und Rehas verschoben werden müssen, weil die Intensivstationen bis zum Platzen mit Menschen gefüllt sind, von denen die Hälfte sterben, als Kollateralschaden einer »marktkonformen Demokratie« (Merkel).

Ich jedenfalls mache mir seit meinem Erlebnis wieder die Einkaufstüten voll. Täglich! Und möchte die Konsument*innen da draußen im Interesse der Gesamtwirtschaftsleistung darauf hinweisen, dass auch mein aktuelles Buch (»Der Kaffee am Arsch der Welt«) gekauft werden muss. Außerdem lade ich hiermit zu meiner großen Weihnachtsshow am 23. mit Jan Böhmermann ein, für die es noch wenige Restkarten gibt. Zeigen wir es dem Virus!

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