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Klärt das doch einfach untereinander

Eltern und Erziehergewerkschaft kritisieren die fehlenden Vorgaben für Kitas im Lockdown

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 5 Min.

»Die Kommunikation ist eine Katastrophe«, sagt Katharina Mahrt über die Informationspolitik aus dem Haus von Berlins Bildungs- und Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD). »Das alles hat nur für Schwierigkeiten gesorgt, halbwegs vorbereitet in den neuen Lockdown zu gehen«, kritisiert die Mutter eines dreijährigen Sohnes, die sich in der Elterninitiative »Kitakrise Berlin« engagiert. Mahrt sagt, dass es vielen Eltern so geht.

Wie berichtet, hatte die Senatsjugendverwaltung am Sonntag über ihre Social-Media-Kanäle zunächst mitgeteilt, dass die Kitas in der Hauptstadt auch ab diesem Mittwoch geöffnet bleiben, um kurz danach einzuschränken, dass es sich hierbei lediglich um eine »Notversorgung« handeln wird. Gleichzeitig werden die Eltern »eindringlich aufgefordert«, das Angebot wirklich nur als solches zu begreifen: als Notnagel, wenn gar nichts mehr geht. Anders als bei der Notbetreuung an den Grundschulen wird an den Kitas nicht mit Listen mit »systemrelevanten Berufen« hantiert.

Wie die Jugendverwaltung inzwischen konkretisiert hat, müssten Eltern »die besondere Dringlichkeit« einer Betreuung den Einrichtungen mündlich darlegen. »Pauschale Absagen« seitens der Kita-Leitungen seien dabei »unzulässig«. Optimistisch heißt es in dem am Montag an die Kita-Träger herausgegangenen Schreiben dann noch: »Die Senatsverwaltung für Jugend vertraut in diesen Fällen auf die Lösungs- und Handlungskompetenz von Einrichtungen und Eltern.«

Genau daran hat Katharina Mahrt so ihre Zweifel. Sie befürchtet enorme Abstimmungsprobleme mit den Kita-Leitungen, die jetzt auf die Schnelle gewuppt werden müssten. »Gilt es auch als ein guter Grund, die Notversorgung in Anspruch zu nehmen, wenn ich einfach nur erschöpft bin?«, fragt Mahrt. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist alarmiert. »Es ist unhaltbar, dass die Kolleginnen und Kollegen nun selber entscheiden sollen, welche Familien einen Anspruch auf Notbetreuung haben«, sagt Berlins GEW-Landesvorsitzende Doreen Siebernik. Grundsätzlich unterstütze die GEW die Notbetreuung im Interesse der Kinder und der belasteten Familien. Aber bereits während des ersten Lockdowns im Frühjahr hätten »unklare Regelungen zu großen Rangeleien an den Kita-Türen geführt«. Auch deshalb fordert Siebernik »eine Anspruchsliste für die Notbetreuung je nach Berufsstand«. Für die Gewerkschafterin steht fest, dass sich die Jugendverwaltung »erneut aus der Verantwortung zu ziehen« versucht.

So ganz will offenbar auch die Senatorin selbst nicht an die beschworene Lösungs- und Handlungskompetenz glauben. »Wenn dieser Weg so nicht läuft, wie wir uns das vorstellen, werden wir uns da noch einmal rückkoppeln, ob wir zum Weg der Notbetreuungslisten übergehen«, hatte Scheeres bereits am Montag im Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses gesagt. Auch am Dienstag wiederholt Scheeres im Anschluss an die Senatssitzung, dass man sich das Thema Anfang Januar noch einmal vornehmen will. Zudem soll am Mittwoch eine Hotline für Kitas und Eltern eingerichtet werden, um etwaige Konflikte zu schlichten, so Scheeres. Denn auch ihr sei klar: »Das wird für alle sehr, sehr anstrengend in der Umsetzung.«

Alles gut, aber jetzt trotzdem bitte alle mal wieder einen Gang runterschalten, meint Roland Kern vom Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS). »Es geht doch jetzt nicht darum, wer alles in die Kitas kommen kann, sondern darum, dass die Leute zu Hause bleiben«, sagt Kern, dessen Verband rund 850 kleine und selbstverwaltete Kitas in vertritt. »Diesen ganzen Bohei mit den Systemrelevanten, das hatten wir doch alles im Frühjahr schon durch.« Die Berufeliste sei allenfalls »ein Vehikel, wenn wir sehr lange im Lockdown sind«, so Kern zu »nd«.

Tatsächlich hatte ebenjene Liste im Frühjahr für heftigen Verdruss gesorgt. Der Senat hatte damals das zunächst auf einen streng begrenzten Elternkreis beschränkte Betreuungsangebot Schritt für Schritt ausgeweitet. Die Liste der »Systemrelevanten« wurde immer länger, schließlich waren auch die Kinder von Alleinerziehenden, kurz vor der Einschulung stehende Jungen und Mädchen sowie deren Geschwister, mit an Bord - und die Kitas überfordert. Immerhin galten auch für sie nach wie vor die Abstands- und Hygieneregeln. »Das alles ging mit viel Ärger einher«, erinnert sich Roland Kern vom DaKS. Er glaubt, dass der Aufruf zur elterlichen Eigenverantwortlichkeit nun verfängt, zumal viele Familien ohnehin bereits in den Feiertagsmodus schalten. Kern berichtet aus den Einrichtungen seines Verbands auch von ersten positiven Rückmeldungen. »Wir sehen, dass das in den allermeisten Fällen klappt.«

Ähnliches wird von offizieller Seite aus dem Land Brandenburg gemeldet. Wie in Berlin bleiben hier die Kitas ebenfalls formal offen, wobei auch Jugendministerin Britta Ernst (SPD) im Vorfeld den dringenden Appell an die Eltern richtete, die Kids »möglichst zu Hause« zu betreuen. »Auch wir setzen auf die Lösungs- und Handlungskompetenz von Eltern und Sorgeberechtigten, und eine Ad-hoc-Abfrage an den Schulen scheint unsere Einschätzung zu bestätigen«, teilt Ernsts Sprecherin Ulrike Grönefeld am Dienstag auf nd-Anfrage mit.

Nun ist es so, dass in beiden Bundesländern die beschlossenen Regeln erst einmal nur bis zum 10. Januar gelten. »Wir haben Bauchschmerzen bei der Frage, wie lange der Lockdown tatsächlich dauern wird«, sagt dann auch Katharina Mahrt von »Kitakrise Berlin«. An den 10. Januar glaubt Mahrt nicht. »Wir fordern eine Strategie, die darüber hinausgeht.« Insbesondere müsste hierbei die finanzielle Absicherung der Eltern bedacht werden. Viele könnten ihre Kinder nur zu Hause betreuen, wenn sie bereit seien, Verdienstausfälle in Kauf zu nehmen. Schließlich seien die Kitas offiziell ja nicht geschlossen, Auseinandersetzungen mit Arbeitgebern also programmiert. Hier sei der Staat gefordert, sagt Mahrt: »Für die Daheimbetreuung muss es endlich einen finanziellen Anreiz geben.«

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