Zurückgelassen im Eis

Die Welt geht unter, aber sehr leise: George Clooney spielt in seinem Film »The Midnight Sky« die Hauptrolle gleich selbst

Der drohende Weltuntergang hat in Hollywood seit Jahren Konjunktur und wird für gewöhnlich - egal ob von Roland Emmerich oder in den jüngsten Marvel-Filmen - recht drastisch und bildgewaltig inszeniert. Ganz anders ist das in George Clooneys eher leisem Science-Fiction-Film »The Midnight Sky« (jetzt auf Netflix zu sehen), der weit entfernt ist vom üblichen Apokalypsen-Voyeurismus des Action-Kinos. George Clooney macht mittlerweile nur noch das, was er wirklich will. In diesem Fall ist es ein 100 Millionen Dollar teurer Autorenfilm, bei dem er Regie führt und zugleich die Hauptrolle spielt. Die Filmadaption des bisher noch nicht ins Deutsche übersetzten Romans »Good morning, midnight« (2016) von Lily Brooks-Dalton erzählt die Geschichte des Astronomen Augustine Lofthouse und der Astronautin Iris Sullivan, genannt Sully.

Mitte des 21. Jahrhunderts kollabiert die Erde. Der alternde Augustine bleibt allein in einem am nördlichen Polarkreis gelegenen Observatorium zurück, während die anderen Mitarbeiter evakuiert werden, um sich in unterirdische Schutzräume zu begeben. Was genau die Apokalypse auslöst, wie das vor sich geht, wie viele Opfer es gibt und warum die Erde nicht mehr wie bisher bewohnbar ist, bleibt unklar. Aber die Luft außerhalb der Forschungsstation kann man nicht mehr atmen und langsam brechen alle Kontakte nach außen ab. Während Augustine allein in der riesigen Station vor Computern sitzt und versucht, die Datenlage zu verstehen, sowie sich selbst regelmäßig an eine Art Dialysegerät anschließt, ist das Raumschiff »Aether« auf dem Weg zurück zur Erde, ohne dass die Crew etwas über die Vorgänge auf ihrem Heimatplaneten wüsste.

Augustine Lofthouse, der in der vereinsamten Polarstation plötzlich auf ein Mädchen trifft, das offensichtlich während der überstürzten Evakuierung zurückgelassen wurde, versucht Kontakt zur »Aether« aufzunehmen, um sie vor der Rückkehr zur Erde zu warnen. Das funktioniert aber nicht. Also macht er sich mit dem Kind zusammen auf den Weg zu einem leistungsstärkeren Sender, was zu einer abenteuerlichen Reise durch eine feindliche Schnee- und Eislandschaft führt.

Auf der »Aether« kämpft man derweil mit den Folgen eines Meteoriteneinschlags, um die beschädigte Kommunikationsanlage wieder fit zu machen. Der Kontakt zwischen der schwangeren Kommunikationsoffizierin Sully und dem immer kränker werdenden Lofthouse droht zu scheitern. Dabei hat die Crew der »Aether« eigentlich gute Nachrichten, denn ihre mehrjährige Mission zum Jupitermond »K23« hat ergeben, dass sich der Planet zur Besiedelung eignet. Oder kommt die Hoffnung für die dem Untergang geweihte Menschheit auf der havarierenden Erde sowieso zu spät? George Clooney als kränkelnder Augustine Lofthouse, der sich regelmäßig über die Kloschüssel gebeugt übergibt und Felicity Jones als Scully, die wie ihre Crewkollegen die Rückkehr zur Erde herbeisehnt, tun alles, um miteinander in Kontakt zu treten.

»The Midnight Sky« funktioniert ein Stück weit wie Don DeLillos jüngster Roman »Die Stille«, wo in einer kammerspielartigen Anordnung das drohende Ende der Welt nicht grell ausgemalt, sondern anhand der Protagonisten erzählt wird, die abgeschieden an einem Ort um Informationen kämpfen, ohne zu wissen, was genau vor sich geht. Der drohende Untergang hat vor allem mit mangelndem Wissen zu tun, genauso wie in »The Midnight Sky«, wo weder Augustine Lofthouse noch Iris Sullivan, sein Gegenüber im Weltraum, genau verstehen, was vor sich geht. Bis die Crew der »Aether« plötzlich einen Blick auf die Erde werfen kann und so das Ausmaß der globalen Zerstörung klar wird. Denn der in Science-Fiction-Filmen so gerne als Sehnsuchtsort inszenierte blaue Planet, von dessen Schönheit aus dem All auch regelmäßig Astronauten schwärmen, sieht aus wie eine faulige braune, von Wirbelstürmen überzogene Pfütze. Die Erde - vermittelt dieses Bild auf verstörende Weise - ist unwiederbringlich zerstört. Das in dieser konzisen Form in ein Bild zu übersetzen, mag man platt finden, aber es entfaltet enorme Wirkung.

»The Midnight Sky« erzählt von der globalen ökologischen Havarie. Augustine Lofthouse versucht als Vertreter der älteren Generation der jüngeren Sully beim Überleben zu helfen. Außerdem ist Lofthouse jener Astronom, der Jahrzehnte vor der Havarie den Planeten »K23« entdeckte, der nun zur Überlebenschance für Sully und ihren Mann, den Kommandeur der »Aether« werden kann. Dass den alten Wissenschaftler Lofthouse mit der jungen Scully überdies eine ganz besondere Beziehung verbindet, wird erst im Lauf des Films klar. In Rückblenden wird das Leben des ehrgeizigen Astronomen und sein Scheitern in der Liebe erzählt. Aber auch der Aufenthalt auf dem Mond »K23« mit seiner leuchtend roten Pflanzenwelt und einer zum Greifen nahen, bunt schimmernden Jupiter-Oberfläche ist in Form von Rückblenden eingewoben in die lebensbedrohlichen Versuche von Lofthouse und Sully, miteinander zu kommunizieren. Bis es ganz am Ende zu einem Gespräch der beiden kommt, das eine überraschende Wendung bereithält.

»The Midnight Sky« auf Netflix.

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