Der »Stora-Bericht« kursiert in Algerien nur inoffiziell

Das Schuldeingeständnis Frankreichs geht den meisten Menschen in der ehemaligen Kolonie nicht weit genug

  • Von Claudia Altmann, Algier
  • Lesedauer: 4 Min.

Algeriens Staatschef Abdelmadjid Tebboune erhielt dieser Tage einen Anruf in seinem Krankenzimmer in Deutschland. Am anderen Ende war sein französischer Amtskollege Emmanuel Macron. Er wünsche ihm weiterhin beste Genesung von seiner Corona-Erkrankung und wolle die »gemeinsame Arbeit zu den beide Seiten interessierenden Bereichen Wirtschaft, Regionales und Erinnerung« wieder aufnehmen. Tebboune antwortete, er sei dazu bereit, sobald er zurück in Algier sei. Diese protokollarisch verklausulierte Andeutung ist denn auch schon die bisher einzige indirekte »Reaktion« von offizieller Seite auf den Bericht Benjamin Storas zur kolonialen Vergangenheit Frankreichs in Algerien.

»Dieser Bericht ist uns bisher nicht offiziell übermittelt worden und wir reagieren nicht auf etwas, was in der Presse veröffentlicht wurde«, erklärte der Leiter des algerischen Nationalarchivs, Abdelmadjid Chikhi. Er war im vergangenen Sommer von Tebboune, der im Dezember 2019 Abd al-Aziz Bouteflika ablöste, zum »Berater für Erinnerung« ernannt worden und sollte aus algerischer Sicht an dem Aufarbeitungsbericht mitarbeiten. »Außer zwei Telefonaten hatte ich keinerlei Kontakt zu dem französischen Historiker«, so Chikhi vor zwei Monaten. Dabei hätte es durchaus Einiges zu bereden gegeben. Immerhin empfiehlt Stora in seinem Bericht eine Zusammenarbeit mit dem Ziel, »einige Archive« Frankreichs an Algerien zu übergeben und Forschern beider Länder den gegenseitigen Zugang zu selbigen zu gestatten.

Der algerische Historiker Hosni Kitouni indes sieht trotz Kritik an den Empfehlungen auch Handlungsbedarf auf der algerischen Seite. »Der Bericht stellt klar, dass Frankreich nicht zu Fortschritten in der Frage der Kolonialgeschichte und Erinnerung bereit ist. Der Elefant hat eine Maus zur Welt gebracht«, schreibt er auf seiner Facebook-Seite. »Aber trotz der Mängel findet sich damit die algerische Seite mit dem Rücken an der Wand, da sie selbst das Kapitel der Aufarbeitung nicht einen Millimeter vorangebracht hat.«

Diese Ansicht teilt der ehemalige Diplomat und Minister Abdelaziz Rahabi nicht. »Der Stora-Bericht berücksichtigt in keiner Weise die historische Hauptforderung der Algerier: Die Anerkennung der von Frankreich während der Kolonialzeit zwischen 1830 und 1962 begangenen Verbrechen.« Auf Twitter schreibt er, es gehe weder darum, Reue zu bekunden, noch eine gemeinsame Erinnerung zu begründen. »Beide Seiten haben eine völlig antagonistische Erinnerung geerbt. Daher muss sich jede auch der eigenen Vergangenheit selbst stellen. Beide Staaten sind angehalten, Bedingungen für eine friedliche Beziehung zu schaffen und sich der Zukunft zuzuwenden.«

Für die direkt Betroffenen allerdings ist dieser Weg zu einer Art Versöhnung noch lang und durch den vorliegenden Bericht nicht kürzer geworden. Für die Nichte des von französischen Fallschirmjägern 1957 in Algier ermordeten algerischen Anwalts Ali Boumendjel hätte das Schuldeingeständnis viel eher kommen müssen. »Es kommt viel zu spät. Das war meine erste Reaktion, fast 65 Jahre nach dem Mord an meinem Onkel, der all die Jahre als Selbstmord dargestellt wurde«, sagte Fadhila Chitour-Boumendjel der algerischen Zeitung »El Watan«. Stora erwähnt den Fall als einzigen namentlich in seinem Bericht. Der Anwalt und prominente Verteidiger von angeklagten Mitgliedern der Nationalen Befreiungsfront (FLN) war während der Schlacht von Algier entführt, wochenlang gefoltert und dann aus dem fünften Stock des Gebäudes geworfen worden, in dem auch die FLN-Unterstützer Henri Alleg und der ebenfalls ermordete Maurice Audin gefangen gehalten wurden. Was aber sei mit den vielen anderen Opfern, deren Schicksal nicht aufgeklärt ist, fragt Chitour-Boumendjel und kritisiert zudem: »Es handelt sich um eine ›eventuelle‹ Anerkennung und eine Empfehlung. Wie dies konkret aussehen soll, bleibt völlig offen.« Zudem habe sie beim Lesen eine unglaubliche Frustration empfunden. Die Ärztin und renommierte Frauenrechtlerin geht soweit, Sinn und Wirkung des Berichtes infrage zu stellen. »Das beunruhigt mich ungemein. Wie Stora denke auch ich, dass man die Erinnerung von Peiniger und Opfer niemals versöhnen kann. Wir brauchen vielmehr einen Dialog, der vor allem eines voraussetzt: Die Anerkennung, dass Kolonisation im Wesen eine Gräueltat ist, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.« Dies offiziell einzugestehen, wäre ein Gewinn auch für Frankreich. Alles andere sei wirkungslos. »Wir waren es, die diesen Krieg gewonnen haben und wir wollen keine Entschuldigung.«

Anläufe zu einer Aussöhnung zwischen den beiden Staaten haben bereits mehrere französische Staatspräsidenten unternommen. Zu greifbaren Ergebnissen hat dies aber bislang noch nicht geführt.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung