Druckereischließung ist betriebswirtschaftlicher Unsinn

Ende 2021 will die Funke-Mediengruppe die Erfurter Zeitungsdruckerei schließen - laut Gutachten spart der Konzern dadurch aber nichts

  • Von Friedrich Siekmeier
  • Lesedauer: 4 Min.

»Digitalisierung!« Dieses Schlagwort aus der Konzernführung in Essen soll die Strategie der Funke-Mediengruppe leiten. Aber quasi symbolisch für die Erfolglosigkeit dieser Parole ist der digitale Zusammenbruch des Konzerns Ende des ergangenen Jahres: Die Lokalzeitungen konnten ab dem 22. Dezember wochenlang nur als »Notausgaben« mit wenigen Seiten erscheinen. Denn ein Cyberangriff auf die digitale Säule führte quasi zum völligen Lockdown aller Druckausgaben.

Das änderte bislang nichts daran, dass der Konzern mit eben der lauten Parole »Digitalisierung« die geplante Schließung der Funke-Druckerei in Erfurt begründet, womit rund 270 Beschäftigte ihren Lebensunterhalt verlieren würden. Und Thüringen wäre das erste Bundesland ohne eigene Zeitungsproduktion. Digitalisierung? Nur »floskelhaft« werde dieses Wort vom Verlag vorgebracht, kritisierte Dustin Hertel, Betriebsratsvorsitzender der Druckerei, jüngst im MDR nach einem Gespräch mit Christoph Rüth, dem für die Zeitungen zuständigen obersten Vertreter der Konzernführung.

Inzwischen verlagert diese die Verantwortung wieder auf die lokale Ebene. Doch die jüngsten Gespräche mit den Druckerei-Verantwortlichen in Erfurt blieben »ohne Ergebnisse«, so Jan Schulze-Husmann, der zuständige Sekretär der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi). Zwar wollen er und der Betriebsrat die Gespräche noch fortführen. Doch Verdi bereitet jetzt eine Mitgliederversammlung vor. Auf dieser werde, so Schulze-Husmann, auch über mögliche Streikaktionen gesprochen werden. Die Voraussetzungen dafür verbessern sich gerade: Bislang nicht organisierte Beschäftigte träten der Gewerkschaft bei. Betriebsrat Hertel bekräftigt, die Belegschaft sei weiterhin kampfeslustig: »Einheitlicher Tenor ist: Weiterkämpfen!«

Das Schlagwort »Digitalisierung« verschleiert, dass die Druckereischließung betriebswirtschaftlich unsinnig ist. Das belegt ein Wirtschaftsgutachten, das der Betriebsrat in Auftrag gegeben hatte und dessen Zahlen die Funke-Geschäftsleitung nicht anzweifelt - wie auch, stützte sich der Gutachter auf von Funke gelieferte Zahlen. Danach würde die Schließung der Funke-Druckerei bis zum Jahre 2030 rund fünf Millionen Euro teurer kommen als deren Fortführung. Dabei berücksichtigt der beauftragte Wirtschaftsprüfer in seinen Berechnungen schon die Anschaffung einer modernen Druckanlage. Und Funke gibt zu, dass die Kosten für die Verlagerung der Zeitungsdrucks (zu einer Verlagsdruckerei nach Braunschweig) mit den Transportkosten und Aufwendungen für einen Sozialplan für die bislang Beschäftigten in Erfurt den Konzern teurer kommen würden.

Druck auf den Konzern kommt auch aus der Politik. Susanne Hennig-Wellsow, die direkt gewählte Landtagsabgeordnete des Erfurter Wahlkreises, in dem die Druckerei liegt, sagte dem Verdi-Branchenblatt »druck + papier«: »Es kann nicht angehen, dass aus Renditegründen ein Standort geschlossen wird, das Unternehmen aber zugleich weiter in der Region Geld verdienen will. Regionale Medien sind mehr als Profitesel, sie leisten einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Grundversorgung der Menschen vor Ort.« Hennig-Wellsow, die auch Vorsitzende der Thüringer Linksfraktion ist und für den Bundesvorsitz ihrer Partei kandidiert, steht mit ihrer Kritik nicht allein.

Auch der der SPD-Wahlkreis-Bundestagsabgeordnete Carsten Schneider, der zudem Fraktionsgeschäftsführer in Berlin ist, warf dem Funke-Konzern online vor, »die ökonomische Rendite« sei ihm wichtiger als ein »demokratischer Beitrag« zur politischen Meinungsbildung. Schneider nahm dabei auch Bezug auf die Geschichte: Im Bündnis mit der Redaktion hätten die Drucker im Januar 1990 erreicht, dass sich in Erfurt die erste SED-Bezirkszeitung von der Partei unabhängig gemacht habe. Schneider wirft den Funke-Verantwortlichen zudem »Lügen« vor, weil sie nach Kritik an Überlegungen, die Thüringer Zeitungen allmählich nur noch digital verbreiten zu wollen, versprochen hatten von einem Verzicht der gedruckten Ausgabe abzusehen.

Unterstützung kam jüngst im Thüringer Landtag auch von Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee und Sprecher*innen von CDU und der Bündnisgrünen. Aktuell äußerte sich Ministerpräsident Bodo Ramelow erstmals öffentlich online: »Ich erinnere mich noch sehr deutlich, wie Bundeskanzler Kohl das neue Druckhaus auch als Zeichen der Deutschen Einheit öffentlichkeitswirksam eröffnete.« Kohls Tradition hielt Stephan Holthoff-Pförtner bei Funke am Leben: Kohls Leibanwalt wurde Adoptivsohn der ehemaligen Funke-Miteigentümerin Gisela Holthoff. Er erbte deren Anteile und war Sprecher der Funke-Gruppe. Aktuell ist er Minister in Nordrhein-Westfalen, musste dort aber nach öffentlicher Kritik an seinen Verbandelungen kurz nach Amtsantritt die Zuständigkeit für Medienpolitik abgeben.

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