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Quadratur des Mittelkreises

Neue Pläne, alte Mittel: Die DFB-Förderung der Fußballerinnen bleibt beschränkt

»Vorhang auf«, tönte Siegfried Dietrich voller Zuversicht. Nach dem vorgezogenen Spieltag am vergangenen Wochenende starten die Fußballerinnen an diesem Samstag offiziell in die Rückrunde der Bundesliga. Dietrich leitet die Frauenabteilung bei Eintracht Frankfurt und ist Vorsitzender des Ausschusses Frauen-Bundesligen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Dass der 67-Jährige am Mittwoch nur einer von mehreren hochrangigen Verbandsvertretern bei der digitalen Pressekonferenz war, macht deutlich: Es ging um mehr als nur den Rückrundenstart. Wieder einmal, eigentlich wie immer im Fußball der Frauen. Weil die Probleme seit jeher dieselben sind.

Siegfried Dietrich ist seit Jahrzehnten eine der prägenden Figuren. Und somit ist er gezwungenermaßen Berufsoptimist. »Mehr Wahrnehmung, mehr Sichtbarkeit, mehr Medienpräsenz«, so beschrieb er am Mittwoch die wichtigsten Ziele. Er sprach von »Vermarktung«, »Sponsoren«, »Partnern« und davon, dass man irgendwann auch mit dem Fußball der Frauen Geld verdienen könne. Es soll also alles besser werden.

Dem DFB als verantwortlichem Verband ist nicht vorzuwerfen, dass er die gewünschte Entwicklung nicht auch selbst forcieren würde. Vor anderthalb Jahren wurden die Strukturen dahingehend verändert. Neben dem Ausschuss Frauen-Bundesligen installierte der Verband, analog zum Männerbereich, eine übergreifende Steuerungsgruppe. »Die ist für die Gesamtentwicklung des Frauenfußballs verantwortlich«, erklärte Doris Fitschen am Mittwoch.

Die ehemalige Nationalspielerin ist für die Frauen-Bundesliga als Leiterin eines Kernteams zuständig, das unter jener Steuerungsgruppe angesiedelt ist. Und sie sprach auch einen zentralen Punkt an: »Zuschauergewinnung«. 2018/2019, in der letzten regulären und somit messbaren Spielzeit vor Corona, kamen durchschnittlich nur 833 Fans in die Bundesligastadien. Eine Lösung konnte Fitschen nicht präsentieren. »Warum interessieren sich Menschen für Frauenfußball?« Eine derzeit laufende Marktforschung unter dieser Fragestellung solle Lösungsansätze liefern, erklärte sie. Die übergeordnete Steuerungsgruppe beim DFB hingegen hat schon ein klares Ziel: 2027. In diesem Jahr will Deutschland als Co-Gastgeber die Weltmeisterschaft ausrichten - und der Verband von einem Großereignis profitieren.

Die Geschichte aber zeigt, dass weder große Erfolge noch große Turniere im eigenen Land eine nachhaltig starke Entwicklung gebracht haben. Einerseits gilt, wie bei den Männern, dass Welt- und Europameisterschaften immer mehr Menschen anziehen. Das belegen die jeweils überdurchschnittlich hohen Einschaltquoten sowohl bei den Fußballern als auch bei den Fußballerinnen des DFB während dieser Turniere.

Die Basis für anhaltend große Begeisterung - auch hier ist der Vergleich mit den Männern hilfreich - bilden aber die nationalen Ligen. Dort im Verein entsteht und wächst Identifikation, egal ob im Amateurbereich oder im Profisport. Während die Fußballer - vor der Coronakrise - dauerhafte und stets steigende Beliebtheit genossen, schlugen die Herzen für die Fußballerinnen immer nur kurz schneller. In der Saison 2011/2012, direkt nach der WM in Deutschland, stieg die durchschnittliche Zuschauerzahl in den Bundesligastadien auf 1121. In der darauffolgenden Spielzeit fiel sie wieder auf 890. Den bisherigen Höchstwert von durchschnittlich 1185 Fans erlebten die Fußballerinnen in der Saison 2013/2014 - angetrieben durch die Werbemaschine des DFB vor Olympia. Aber selbst der Olympiasieg in Rio de Janeiro führte zu keiner Steigerung, im Gegenteil.

»Ich glaube nicht, dass in naher Zukunft ein reiner Frauenklub Meister werden kann«, sagte Ralf Kellermann am Mittwoch. Dauerhafte Erfolge solcher Klubs bezweifelt er ganz und gar. Der 52-Jährige ist kein Hellseher, sondern ehemaliger Trainer und jetziger Sportdirektor der Fußballerinnen vom VfL Wolfsburg. Von jenem Verein also, der sechs Meistertitel in den vergangenen acht Jahren gewonnen hat. Die anderen beiden Titel sicherten sich die Fußballerinnen des FC Bayern, die in dieser Spielzeit drauf und dran sind, die dritte Meisterschale nach München zu holen. 2012 konnte Turbine Potsdam als letzter Frauenverein den Titel bejubeln. Aktuell liegen die Brandenburgerinnen auf Platz vier, noch hinter 1899 Hoffenheim und knapp vor Bayer Leverkusen sowie Eintracht Frankfurt und dem SC Freiburg.

»Ich bin erstaunt, dass Spielerinnen gleicher Qualität für ganz verschiedene Gehälter spielen«, sagte Siegfried Dietrich. Er lobte damit ausdrücklich Turbine Potsdam. Derzeit spielen neun von zwölf Bundesligisten unter dem Dach von Männer-Lizenzklubs - und haben dadurch sehr viel größere finanzielle Möglichkeiten. Dietrich kennt aussichtslose Kämpfe nur zu gut: Vor dieser Saison schloss er sich mit dem Bundesliga-Rekordmeister 1. FFC Frankfurt der Eintracht an.

Die Professionalisierung ist ein wichtiger Punkt für die Weiterentwicklung. Nur damit wird nachhaltiges Wachstum aber nicht gelingen. Im Zuschauerranking der vergangenen Saison sind fünf Vereine auf den letzten sechs Plätzen, die zu einem Männerklub gehören. Zu Bayer Leverkusen kamen durchschnittlich nur 316 Fans. Die sportlich erfolgreichen Münchnerinnen sind in dieser Statistik Fünftletzte. Die Basis - mehr und mehr Menschen, die sich damit identifizieren - wird auch kaum mit der von allen Verantwortlichen als Allheilmittel gepriesenen »Fernsehpräsenz« gestärkt. Erst recht nicht, wenn man beim gesamtgesellschaftlichen Problem der Gleichberechtigung nicht bereit ist, voran zu gehen. Norwegens Verband bezahlt seine männlichen und weiblichen Nationalspieler gleichermaßen, beim DFB ist das kein Thema - so wird die Stärkung der Frauen zur Quadratur des Mittelkreises auf dem Platz.

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