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Eine gar nicht nette Familie

Anders als das Verhalften der englischen Royals lehrt die Serie Schitt's Creek, dass man als Familie nach Absturz füreinander da sein kann

  • Von Nadia Shehadeh
  • Lesedauer: 3 Min.

Vorgestern loggte ich mich mal wieder bei TVNOW ein, um das jetzt schon legendäre Stelldichein von Meghan Markle und Prinz Harry bei Oprah Winfrey zu schauen - und zwischen den schrecklichen Offenbarungen Markles, den messerscharfen Fragen Oprah Winfreys und dem geheuchelten Entsetzen der Kommentatorin Frauke Ludowigs (vor den Werbepausen ohne Ende) überkam mich die Wehmut. TVNOW ist nämlich nicht nur ein etwas nerviger und bedienungstechnisch eher schäbiger Streamingdienst, sondern bisher der einzige Anbieter, bei dem man in Deutschland problemlos alle Staffeln »Schitt's Creek« sehen kann.

Diesem Großvorhaben widmete ich mich Ende letzten Jahres - und anders als bei »The Crown«, bei dem ich entweder regelmäßig einschlief oder mich über die koloniale Vergangenheit der Royals aufregte, fühlte ich mich bei »Schitt's Creek« bestens unterhalten.

Ich schloss das Fernseherlebnis sogar mit dem Eindruck ab, eine der besten Sitcoms aller Zeiten gesehen zu haben - und war furchtbar traurig, als die letzte Folge über meinen Bildschirm flimmerte. Und ich bin damit nicht alleine: Sowohl Fans als auch Kritiker*innen bezeugen regelmäßig, dass »Schitt's Creek« - anders als meiner Meinung nach die Royal Family (abzüglich Meghan und Harry natürlich) - den Hype voll und ganz wert ist. Der Plot der Serie ist so gut wie klassisch: Die ehemals reiche Familie Rose (Mutter, Vater und zwei sehr verwöhnte und sehr erwachsene »Kinder«) findet sich nach dem Verlust ihres kompletten Vermögens in einem Motel einer kleinen Stadt wieder, die der Vater vor Jahrzehnten aus Jux und Dollerei für den Sohnemann gekauft hatte.

Während die Royal-Family schon viel zu lange überbewertet und verehrt wurde, kam das »Schitt's Creek«-Team erst relativ spät zu Mainstream-Ruhm und Ehre: Seit 2015 lief die Serie zwar schon auf CBC in Kanada, den Höhepunkt des Erfolgs erreichte man jedoch erst im letzten Jahr - nachdem bereits seit 2017, mit dem Erscheinen auf Netflix America, die Fan-Gemeinde rasant angewachsen war. Vielleicht waren es final die verschiedenen Corona-Umstände des letzten Jahres weltweit, die zum Riesenerfolg der Serie auf den letzten Metern beigetragen haben - die letzte Staffel von »Schitt's Creek« lief nämlich fast parallel zum ersten teilglobalen Shutdown. Familie Rose, eingepfercht im Motel, aufeinander hockend und mit einer eher ungewissen Zukunft vor Augen ergibt im Transfer tatsächlich eine wundervolle Lockdown-Analogie.

Dazu kommen großartige Schauspieler*innen, allen voran die wundervolle Catherine O'Hara, die den meisten bekannt sein dürfte als energische Mutter von Kevin in »Home Alone«. Als Mutter der Familie Rose ist ihre Rolle so angelegt, dass sie vor Egozentrik nur so strotzt, aber dennoch liebevoll und umsichtig agiert. Eine Figur, von der sich zum Beispiel eine Queen Elisabeth ruhig eine Scheibe abschneiden könnte - wenn sie sich denn mal vor einen Fernseher setzen würde.

Und während die Royal-Family auch im letzten Jahr alles hatte, sich gegenüber Meghan Markle und Harry sowie dem Enkelkind aber trotzdem offenbar wie eine stramme und natürlich rassistische Arschlochsippe verhielt, lehrt die Rose-Familie Zuschauer*innen weltweit, dass man sogar nach einem (finanziellen und sozialen) Absturz füreinander da und warmherzig sein kann - und dass Großzügigkeit nicht nur eine Frage des Finanzpolsters ist.

Wer sich nach dem erschütternden Oprah-Interview am Montag also wieder etwas aufheitern will, der sollte sich nach »Schitt's Creek« begeben, und zwar zackig. Und wer am Montag - so wie ich - verzweifelt für das post-royale Oprah-Interview bei TVNOW gelandet ist, der hätte nun auch die beste Gelegenheit dazu.

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