Monolog über den Osten

Eine neue Studie zeigt: Die bundesdeutsche Presse fristet im Osten ein Nischendasein. An mangelndem Interesse der Ostdeutschen an Öffentlichkeit liegt das aber sicher nicht. Von Andreas Häckermann

  • Von Andreas Häckermann
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Im Oktober 1999, anlässlich des zehnten Jubiläums der finalen Krise der DDR, erschien im »Spiegel« ein Artikel über »Westdeutsche, denen der Osten das Fürchten gelernt hat« - und die traumatisiert die Flucht zurück ergriffen. Das vom »Osten« gezeichnete Bild dürfte ziemlich genau dem perfekten Albtraum eines durchschnittlichen »Spiegel«-Lesers aus den alten Bundesländern entsprochen haben: Selbst unschuldige Kinder zugezogener Ärzte werden als »Scheiß Wessis« beschimpft, man hört von zerstochenen Reifen und pogromartiger Stimmung. Der Hamburger Ethnologe Ulf Matthiesen wird mit den Worten zitiert, das gesamte Land Brandenburg sei in eine »Negativ-Spirale perspektivloser Abschottungsversuche« geraten.

Texte wie dieser stellten in den ersten Jahrzehnten nach der »Wiedervereinigung« keineswegs eine Seltenheit dar. Westdeutsche Journalisten, die »den Osten« bereisten, hatten über die dortige Bevölkerung meist wenig Gutes zu berichten. Der Vorwurf der Borniertheit gehörte zum Standardrepertoire und verband sich lückenlos mit einem Chauvinismus der Weltgewandtheit, wie er in den 1990er Jahren medial en vogue war. Dass ein erheblicher Teil der Menschen vor Ort unlängst traumatische Erfahrungen von Arbeitslosigkeit, beruflichem Identitätsverlust und Deprivation gemacht hatte oder gerade machte, fand meist keine Erwähnung. Mit einer Selbstverständlichkeit, die heute skurril anmutet, machte man den Betroffenen ihre Misere zum Vorwurf. Dabei lässt sich im Rückblick auf den binnendeutschen Kontext mühelos bestätigen, was Ivan Krastev retrospektiv für die europäische Ebene feststellte: Der westliche Liberalismus galt als unhinterfragbare Norm.

»Westpresse« unter sich

Angesichts dessen können die Zahlen, die die Otto-Brenner-Stiftung in einer Studie unlängst zum Verbreitungsgrad der alten Leitmedien der »Westpresse« in Ostdeutschland veröffentlichte, kaum verwundern. Nur ganze 4 Prozent der »Spiegel«- und 3,4 Prozent der »FAZ«-Leserschaft leben zwischen Rügen und Vogtland, die »Süddeutsche Zeitung« rangiert noch darunter. Das liegt weit unter dem Richtwert 15 Prozent, dem Anteil der Ostdeutschen an der Gesamtbevölkerung. Zudem dürfte sich ein Großteil dieser Leserschaft aus zugezogenen Westdeutschen rekrutieren, die bis heute in der höheren Verwaltung, den Universitäten und der Politik überproportional vertreten sind. Die diskursprägenden Medien der alten Bundesrepublik besitzen in der ehemaligen DDR wenig mehr als einen Nischenstatus.

Umgekehrt heißt das auch: Wenn in diesen Medien mal wieder über »den Osten« geschrieben wird, dann kriegen die Gemeinten davon meist wenig mit. Der Diskurs bleibt fast zwangsläufig ein »Monolog« über den Osten, der dort de facto seit Jahrzehnten ignoriert wird, wie der Verleger Klaus Wolfram in seiner aufsehenerregenden Rede in der Berliner Akademie der Künste vor anderthalb Jahren bemerkte. »Da die institutionellen Voraussetzungen für einen echten Dialog so gut wie sämtlich in altbundesdeutscher Hand sind«, so der frühere Mitinitiator des »Neuen Forum« dort, »muss die Fehlfunktion auf dieser Seite der Republik gesucht werden«.

Der Kommunikationsphilosoph Jürgen Habermas, selbst Erfinder der paternalistischen Formulierung von der »nachholenden Revolution« von 1989 und traditionell zuständig für Problemanalysen der »Öffentlichkeit«, schrieb im vergangenen Sommer in Reaktion auf die Affäre Kemmerich, die ostdeutsche Bevölkerung habe »weder vor 1989 noch nachher Zugang zu einer eigenen politischen Öffentlichkeit« gehabt, »in der konfligierende Gruppen eine Selbstverständigungsdebatte hätten führen können«. Schon im Staatssozialismus der freien Meinungsäußerung beraubt, seien den revolutionären Bürgern fast umstandslos ihre eben erst gegründeten eigenen Medien- und Presseorgane genommen worden.

Die westlichen Eliten hätten, so Habermas, aus politischen wie ökonomischen Gründen alles daran gesetzt, die Entstehung einer genuinen medialen »Infrastruktur Ost« zu unterbinden. Damit sei die womöglich einmalige Chance zur inneren Demokratisierung des Ostens vertan worden. Weil den Ostdeutschen auch weiterhin die Artikulationsmöglichkeiten fehlten, gab es dort, so muss man Habermas verstehen, auch keine selbstbewusste Aufarbeitung der Vergangenheit - kurz: kein ostdeutsches »68«. Deshalb könne die AfD dort nun an autoritäre Traditionen anknüpfen. Der »europäische Gedanke« habe hingegen keinerlei Breitenwirkung entfaltet, wie die inzwischen reichlich bekannte, aber noch immer schablonenhafte Deutung lautet.

Selbstverständigung Ost

Angesichts der jahrzehntelangen Arbeit von Medien wie »Neues Deutschland«, der Zeitschrift »Berliner Debatte Initial«, in der Habermas selbst vor vielen Jahren publizierte, oder auch dem alten »Freitag«, wie er bis zu Jakob Augsteins Übernahme erschien, wirkt die Feststellung einer Nichtexistenz von Öffentlichkeit irritierend. Wer in den Nachwendejahrzehnten über »den Osten« - auch jenseits der Oder - informiert werden wollte, musste nur im Bahnhofskiosk zugreifen. Noch absurder scheint Habermas’ Behauptung mit Blick auf die Bibliotheken an fiktionaler Literatur, die seit 1989 über »den Osten« geschrieben wurden, aber auch hinsichtlich etwa der Dokumentarfilme von Annekatrin Hendel und Thomas Heise oder der ostdeutschen Fotografie. Für die bisweilen subtextlastige und voraussetzungsvolle »Selbstreflexion Ost« entwickelten bundesdeutsche Intellektuelle jedoch selten ein gezieltes Interesse. Ausnahmen wie Jens Bisky, selbst ein »Kind des Ostens«, bestätigen die Regel.

Umgekehrt lässt sich schwerlich übersehen, dass sich Habermas’ These vom Ausschluss der Ostdeutschen aus medialen Machtpositionen durch handfeste Empirie untermauern lässt. Die Studie der Brenner-Stiftung enthält nämlich noch viele weitere brisante Daten und Beobachtungen. So wird erneut deutlich, dass die Kohl-Regierung im Umgang mit den auflagenstarken regionalen Tageszeitungen der ehemaligen DDR nicht nur die existierende Monopolstruktur übernahm, sondern auch - die Gegenwart lässt grüßen - veritable »Speziwirtschaft« betrieb und ihr wohlgesonnene Westverlage begünstigte. In den übernommenen Redaktionen hatten ab 1990 zum Großteil westdeutsche Journalisten das Sagen.

Noch stärker galt das für den öffentlichen Rundfunk, insbesondere den MDR. Und auch bei den bundesweiten öffentlich-rechtlichen Kanälen, denen ja durchaus eine Repräsentationsaufgabe zukommt, kam die ostdeutsche Perspektive lange faktisch nicht vor. In den westdeutschen Redaktionsräumen von ARD und ZDF redete man gerne über Stasi und Mauer und erlaubte womöglich zuweilen ein wenig »Ostalgie«. Differenzierte Darstellungen aber gab es nur in Ausnahmefällen. Und zeigte man sich in historischen Darstellungen lange nachsichtig mit »verführten« Sympathisanten der Naziherrschaft, so gab es beim Thema »SED-Staat« meist keine zwei Meinungen.

Verlust von Zukunft

Steffen Mau hat in seinem Buch über die Rostocker Siedlung »Lütten Klein« gezeigt, wie der beispiellose wirtschaftliche Zusammenbruch, der kollektive soziale Abstieg und anhaltende Entvölkerung der kollektiven »Selbstermündigung« die Grundlage entzogen. Die »Selbstreflexion Ost« fand zwar weiterhin statt - und bei Weitem nicht nur in Nischen. Doch es fehlte ihr nicht nur an Geld und Zugängen zur Macht, sondern auch schlicht an offener Zukunft. Eine »Selbstverständigung Ost« galt aus etablierter Perspektive schließlich nur als erwünscht, wenn die Antwort vorab definiert war. Erst das ermöglichte die Erdrutschsiege einer AfD, die das verschüttete Erbe des Aufbruchs von 1989 geschickt mit Slogans wie »Vollende die Wende« für sich nutzt.

Mit der »autoritären Revolte« wird nun ein Ost-West-Verhältnis aufgekündigt, das sich aufgrund der anhaltenden Machtasymmetrien nie zu einem »Gesellschaftsvertrag« gleichberechtigter Parteien entwickelte. Ihr Kern ist nicht der Wunsch nach Rückkehr in eine Diktatur, als vielmehr erneute »Selbstermündigung« unter anderen Vorzeichen. Habermas’ Verweis auf das antidemokratische Erbe des staatssozialistischen »Vormundschaftsstaats« geht hier vermutlich fehl. Wiederum mit Ivan Krastev gesprochen, reflektiert der Erfolg der AfD im Osten vielmehr den langfristigen Legitimationsverlust des westlichen Entwicklungsmodells. Vertreter der ostdeutschen Öffentlichkeit haben dies kommen sehen, nur hat man ihnen an etablierter Stelle selten zugehört. Ostdeutsche Geisteswissenschaftler sind, wie die Studie weiterhin belegt, nach wie vor marginalisiert. Historiker mit Ost-Hintergrund, die sich auf einem bundesdeutschen Lehrstuhl mit der DDR-Geschichte befassen, wird man etwa bis heute vergeblich suchen.

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