»Wie ein Tritt ins Knie, von hinten«

Zivildienstleistender, Grüner, Polizist - der Berliner Oliver von Dobrowolski will trotz interner Kritik sein Engagement gegen Rassismus in der Polizei nicht aufgeben

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 11 Min.

Wie sind Sie als Polizist zu den Grünen gekommen?

Ich hatte mich schon als Jugendlicher politisch interessiert und war eigentlich mehr den Jusos verbunden. Als es vor elf Jahren darum ging, einer Partei beizutreten, bin ich bei den Grünen gelandet, weil sie Positionen vertreten hatten, die sich deutlich von den anderen Parteien unterschieden. Ich habe mitverfolgt, wie sich die Grünen über die Jahrzehnte gewandelt hatten und 1998 in der Bundesregierung mitregierten. Das hat alles über die Zeit hinweg meinen Entschluss bestärkt, nicht zu denen zu gehören, die sich beklagen, die meckern und pauschal die politische Situation und Lage kritisieren, sondern einfach etwas zu tun. Das ist auch das, was Gesellschaftsforscher*innen empfehlen: Man sollte sich selbst engagieren, wenn einem etwas nicht gefällt. Zu dem Zeitpunkt, als ich Parteimitglied wurde, war ich fast anderthalb Jahrzehnte Polizist, das spielte natürlich auch eine Rolle. Gerade wenn man sich überlegt, was kann ich für einen Beitrag leisten, wie kann ich mich einbringen? Dass ich dann nicht anfange mit kommunalen Bauthemen, sondern dass ich meine Expertise bei der Innenpolitik mit eingebracht habe.

Wollten Sie schon immer Polizist werden?

Ich war ab dem Kita-Alter Bewunderer der Polizei, aber das sind ja viele Kinder. Es hat sich später als junger Erwachsener verfestigt, als ich im Fernsehen Polizeiserien geguckt habe. Also die klassischen Sachen, wo auch der Durchschnittsdeutsche sein ganzes Polizeiwissen her bekommt, aus dem »Tatort« und Co. Als Teenager habe ich mich immer mehr politisch interessiert. Das führte dazu, dass ich mich gegen Ende der Schulzeit entschied, den Wehrdienst zu verweigern und stattdessen Zivildienst zu machen. Das hat mich etwas davon abgehalten, mich weiter für den Polizeiberuf zu interessieren.

Warum?

Weil ich dachte, es bringt nichts. Wenn die sehen, da hat einer den Dienst an der Waffe verweigert, wird der nicht geeignet sein für die Polizei. Doch das war ein Irrglaube. Ich habe nach dem Abitur erst mal andere Sachen gemacht und wollte studieren. Doch dann dachte ich, ich bewerbe mich einfach auf gut Glück in Berlin für die Laufbahn des Kriminalbeamten. Das war damals etwas tricky, weil es historisch gesehen super wenige Studienplätze gab, nämlich 30. Ich dachte: Das kann sowieso nicht klappen.

Doch es klappte?

Vielleicht war es mein großer Trumpf im Ärmel, dass ich sehr locker rangegangen bin, ohne eigenproduzierten Druck. Ich habe alle Aufnahmetests bestens absolviert. Eine Affinität für diesen Beruf gab es schon immer. Wenn man jetzt fragt, warum, könnte ich nur sagen - auch wenn es platt klingt: ein bisschen der Wunsch, etwas Gutes zu tun. Also für die Gesellschaft etwas zu leisten, was auch einen messbaren Wert hat. Wenn ich an der Frankfurter Börse spekulieren würde, würde ich zwar unfassbar viel Geld verdienen, aber wenn man mich nach dem gesellschaftlichen Wert dieser Betätigung fragen würde, käme ich schon ins Grübeln.

Gab es in Ihrer Familie Menschen, die bei der Polizei gearbeitet haben?

Nein. Es ist in der Tat so, dass sehr viele zur Polizei gehen, weil Mama, Papa oder Onkel in der Polizei waren oder jemanden anderes, zu dem sie einen Bezug hatten, sei es nur der Nachbar, mit dem man sich super versteht. Gab es bei mir überhaupt gar nicht.

Good cop, good Cop. Oliver von Dobrowolski gründet den parteiunabhängigen Verein »BetterPolice«

Was haben Sie bei den Grünen gemacht?

Ich hatte mich orientiert, wie man sich mit meiner Fachausrichtung engagieren kann. Auf Landesebene gibt es die Arbeitsgemeinschaft »Demokratie und Recht«. Da wurde ich Mitglied. Ich habe sogar kurze Zeit als ihr Sprecher fungiert. Zudem habe ich die ersten Kontakte aus den interessantesten Bereichen knüpfen können, die mitunter bis heute halten und mich sehr stark vorangebracht haben, auch in meiner Sicht auf das Thema Innenpolitik.

Wie kamen Sie zum Verein PolizeiGrün?

Von einem Kontakt, den ich in dieser Landesarbeitsgemeinschaft hatte, bekam ich Ende 2013 eine E-Mail. Die lautete: Hallo Olli, guck mal hier - mit einem Link. Hast du schon gesehen, da gibt es tatsächlich grüne Polizisten, die sich in einem Verein zusammengefunden haben. Ich habe das gecheckt und festgestellt: Bingo! Das ist genau das, was ich wollte, was ich brauchte und was mir bislang irgendwie gefehlt hatte.

Wie ging es weiter?

Ich habe mich informiert und alsbald mit denen an einen Tisch gesetzt, also im Wortsinn - ich bin nach Baden-Württemberg gereist, wo sich dieser Verein gegründet hatte. Dieser war erst ein paar Wochen alt, als ich dazustieß. Der Vorteil war, dass wir zu Beginn nur eine Hand voll Mitglieder waren. Ich war der erste und einzige aus Berlin. Das machte mich - ob ich wollte, oder nicht - zu einer wichtigen Figur, weil Berlin logischerweise viele Fühlungsvorteile hat, durch die Bundesregierung oder viele Nichtregierungsorganisationen, die hier ihren Sitz haben und als Schauplatz vieler Kongresse und Fachveranstaltungen.

Welche Rolle haben Sie übernommen?

Ich wurde gleich Vorstandsbeisitzer für das Bundesland Berlin. Mit der Betitelung konnte ich beginnen, was sich seitdem ein bisschen als meine Spezialität herausgestellt hat: Öffentlichkeitsarbeit. Wenig später gab es das erste größere Interview in einer Berliner Tageszeitung, was mir direkt ordentlich Ärger bei der Polizei einbrachte. Obwohl ich mitgeteilt hatte, was ich tue und wie ich mich engagieren werde. So konnte ich mir damals schon vorstellen, dass der Weg spannend werden könnte, aber natürlich auch steinig.

Was wurde bei der Polizei kritisiert?

Ich habe in dem Interview auch den Satz gesagt - da muss ich fast lachen heutzutage: »Nach meiner Meinung sind die meisten Polizisten eher konservativ eingestellt.« Das war eine Feststellung, die auch auf eigener Erfahrung beruhte. Heute würde wohl jeder sagen, na ja klar, kann man eigentlich unterschreiben. Aber dieser Satz hat mir wirklich einen internen Shitstorm eingerührt. Der damalige Pressesprecher und die Chefin der internen Beschwerdestelle haben sich sehr bemüht, mich dafür zu disziplinieren. Das konnte zwar abgewendet werden, aber es hat mir gezeigt: Es gibt ordentlich Gegenwind.

Auf Ihrem Blog schildern Sie, dass Sie mit zunehmender Bekanntheit Todesdrohungen und Shitstorms im Internet erhalten haben. Wann fing das an?

Ich kann nicht genau sagen, wann das erste Mal etwas kam. Aber ich kann mich erinnern, dass ich mich 2015 auf Twitter zu der Situation mit den geflüchteten Menschen in Heidenau und diesen schlimmen Dingen in Ostdeutschland geäußert hatte. Da hat sich die Polizei oftmals nicht gerade rühmlich hervorgetan und ich habe Einsätze kritisiert. Da fing es so richtig an, dass aus der rechten Bubble, die leider, wie ich dann lernen musste, oftmals deckungsgleich ist mit der Polizeiblase, wirklich harte Anfeindungen gegen mich kamen. Damals gab es noch nicht das Netzwerkdurchsetzungsgesetz oder die jetzt erweiterten Gesetzgebungen gegen Hass und Hetze. Man war quasi Freiwild und da habe ich ordentlich kassiert. Ich habe aber schnell gelernt, dass das zu Diskussionen im Internet wohl offensichtlich dazu gehört. Und es war ein Vorteil, dass ich als Polizist, mit einer gewissen Dienstzeit, eine eher raue und rustikale Sprache und Gegenwehr gewöhnt war.

An welche Auseinandersetzungen erinnern Sie sich außerdem, die Ihnen, auch unter Kolleg*innen, Ärger einbrachten?

Mein Post zum G20-Gipfel in Hamburg. Um ihn verkürzt wiederzugeben: Ich habe sowohl kritisiert, den Gipfel in einer Stadt und dazu in der Nähe der linken Szene durchzuführen, als auch die Polizeistrategie, die bei den Einsätzen vorherrschte. Der Blogbeitrag wurde eine Viertelmillion Mal abgerufen. Von anderen Polizist*innen wurde mir danach ein gewisser Narzissmus vorgeworfen. Es wurde aber auch gesagt, dass ich Dinge aufbausche, um vor der Kamera zu stehen oder in irgendeinem Artikel zu erscheinen. Das weise ich inhaltlich komplett von mir und diese Kritik hat mich getroffen. Jemandem eine übersteigerte Ich-Bezogenheit vorzuwerfen, ist zwar von der Beschimpfung her nicht High-End, aber es ist ein sehr harter Schlag.

Sie schreiben auf Ihrem Blog, dass Sie nach dem Erhalt von Todesdrohungen zu einem persönlichen Gespräch gebeten wurden. Von der Polizei wurde Ihnen aber kein Rückhalt zugesichert, sondern gesagt, man werde Sie als »Unruhestifter« im Auge behalten.

Ja, das war genau so. Das ist eigentlich der worst case. Nicht nur, dass man so ein Gespräch absolviert und eine Ansage bekommt, sondern, dass man in dieses Gespräch mit völlig anderen Erwartungen geht. Es hat mich sehr bestürzt und in mir ist etwas zerbrochen. Wenn man eine Art Urvertrauen hat in die eigene Behörde, für die man tätig ist und gute Arbeit leistet, was einem immer wieder bestätigt wurde, auch durch den Karriereverlauf bis dato, ist das ein Tritt ins Knie, von hinten. Das tut weh. Ich hätte mir das vorher nicht ausmalen können. Da hat man spontan erst einmal den Impuls, alles hinzuwerfen und dieses außerdienstliche Engagement zurückzufahren. Aber zum Glück berappelt man sich recht schnell und sagt: Damit ist nichts gewonnen, damit gibt man eher allen, die einen bisher kritisiert und gehatet haben, Recht.

Hatten Sie in diesem Moment auch überlegt, nicht mehr Polizist sein zu wollen?

Da bin ich jetzt ganz offen: So Überlegungen gibt es. Aber andererseits, für jemanden, der eine gewisse Zeit in der Polizeibehörde arbeitet, also als Beamter in diesem Land, der auch schon über 40 Jahre alt ist, da musst du halt auch sagen: Ja hallo, das ist - besonders, wenn man Familie hat, so wie ich - wirtschaftlich gar nicht zu machen. Mal ganz trocken formuliert: dieses Berufsbeamtentum, was wir in Deutschland noch haben, ist mit enormen Vorteilen verbunden.

Jetzt haben Sie den Verein »BetterPolice« gegründet. Warum?

Ich möchte mich bei PolizeiGrün zurückziehen, um Platz für die neuen Mitglieder zu machen, die brennen und richtig Bock haben, etwas zu reißen. Dazu kommt: In vielen Gesprächen, sowohl auf Arbeitsebene mit Kolleginnen und Kollegen, aber auch losgelöst, zum Beispiel bei Fachveranstaltungen, sind viele Menschen einer Meinung mit mir, wenn ich über den Bedarf einer pluralistischen, rechtsstaatlichen, bürgernahen, toleranten Polizei rede. Aber regelmäßig entglitten die Gesichtszüge, wenn ich gesagt habe: Ich arbeite bei PolizeiGrün. Allein vom Namen her wurde schnell klar, dass der Verein den Grünen nahesteht, auch wenn wir satzungsgemäß parteiunabhängig sind. Ich habe festgestellt, dass da mental bei vielen Polizist*innen sofort die Rollläden runtergingen, wenn ich mit Grün anfing.

Warum sind die Grünen für viele Polizist*innen negativ konnotiert?

Grün ist immer noch ein Kampfbegriff, etwas, was sie triggert. Das sind immer noch die alten Bilder: Grüne schmeißen Steine auf Polizisten, verletzen Polizisten, sehen Polizisten nicht als Menschen. Das kriegt man unfassbar schlecht aus den Leuten raus. Du hast sofort den Stempel aufgedrückt und jedes Wort, egal wie logisch es erscheint, wird gar nicht mehr richtig wahrgenommen. Deswegen denke ich, mit einer Initiative, die ganz deutlich sowohl vom Namen her, als auch von den Statuten, parteiunabhängig ist, kann man einfach mehr erreichen.

»Better Police« ist zudem keine Berufsvereinigung, sondern ein offener Verein.

Genau. PolizeiGrün adressiert Polizistinnen und Polizisten, natürlich gibt es auch die Möglichkeit einer Fördermitgliedschaft, aber das waren immer nur so zehn Prozent. Was ich jetzt vorhabe, ist, alle Leute, die Bock haben, einzubeziehen. Meine Beobachtung der letzten Jahre ist: Es gibt sehr viele brillante Köpfe bei den Medienschaffenden, bei Künstlern und Künstlerinnen, aus allen möglichen Bereichen der Gesellschaft, die super Ansätze haben. Manchmal, weil sie selbst bereits geschädigt wurden von polizeilichem Fehlverhalten, teilweise auch von Polizeigewalt und sich eben nicht radikalisiert haben und seitdem nur ACAB schreiend durch die Straßen ziehen und Mollys werfen. Nein, weil sie trotzdem ein ganz hohes Interesse haben, dass die Polizei gut wird, weil die Polizei für sie auch den Staat repräsentiert. Und weil sie sich wohl fühlen wollen in der Gesellschaft. Dazu gehört eine gute, funktionierende und selbstkritische Polizei. Solche Leute, will ich einladen, dass sie ihren Beitrag leisten, einen Blick auf die Polizei zu werfen und zwar insofern, dass das eine Diskussionsgrundlage darstellt.

Was sind die Ziele von »Better Police«?

Es gibt Leute, die schreiben mir jetzt zum Verhältnis der Polizei zum Fahrradverkehr. Das ist ein Spannungsfeld, Polizist*innen, die sich um den Verkehr bemühen und die Community der Fahrradfahrenden. Es gibt auch sehr viele Spannungen zwischen der Polizei und der Fußballfanszene. Gerade die Ultras, da gibt es auch sehr viele Missverständnisse, weil jemand schnell als gewalttätiger Hooligan abgetan wird, was häufig aber gar nicht stimmt. Solche Spannungen sollen gelöst werden. Es gibt so viele gesellschaftliche Bereiche und Szenerien, wo Leute ein ureigenstes, enormes Interesse daran haben, die Polizei zu verbessern. Gar nicht so von oben herab, sondern einfach auch Händereichend und perspektivisch erweiternd. Solche Menschen möchte ich involvieren und ich bin guter Dinge, dass mir das auch gelingt. Zudem soll die Initiative zu einem nicht unerheblichen Anteil aus Polizistinnen und Polizisten selbst bestehen, die wollen, dass der Laden besser läuft. Besonders wenn es um Rechtsextremismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit geht, was wir in den letzten zwei Jahren bei der Polizei immer wieder erlebt haben. »Better Police« soll da sein, um zu sagen: Halt, stopp! Nicht in meinem Namen! Ich bin Polizist*in geworden, um so einen Scheiß zu bekämpfen und nicht, um da in einem Atemzug mit diesen Tätern und Täterinnen genannt zu werden.

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