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Rotkäppchen und Layla wa al-Dhib

Ein Forschungsprojekt setzt arabische und deutsche Erzähltraditionen in Beziehung zueinander

  • Lesedauer: 9 Min.

Das Geschichtenerzählen aus kulturübergreifender Perspektive. Ein einführender Essay

Geschichtenerzählen ist universal und kann als der menschlichen Natur eigen bezeichnet werden. Geschichten, Erzählungen oder Märchen sollen in diesem Band aus einer kulturübergreifenden Perspektive beleuchtet werden. Im Nachlass seines West-Östlichen Divans fasste der deutsche Dichter und Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe seine Vision einer friedlichen Koexistenz zwischen der westlichen und östlichen Welt bereits wie folgt zusammen:

»Wer sich selbst und andre kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.«

Diesem Rat folgend führte die Arab-German Young Academy of Sciences and Humanities (AGYA) das Forschungsprojekt »Arab and German Tales - Transcending Cultures« durch. Die Idee, die Traditionen des Erzählens von arabischen und deutschen Geschichten und Märchen und die Rolle, die sie seit ihren ersten schriftlichen Zeugnissen bis in die heutige Zeit spielen, zu reflektieren und zu präsentieren, wurde mit der Ausstellung »Cinderella, Sindbad & Sinuhe: Arabisch-deutsche Erzähltraditionen« finalisiert.

Vergleicht man die arabischen und deutschen Traditionen des Geschichtenerzählens und ihrer Geschichten, so wird deutlich, dass Begriffe, wie Märchen, Story (Geschichte), Tale (Erzählung/Märchen), Folk Tale (Volksmärchen), Epic (Epos), Legend (Legende), Khirāfa, Qissa, Hikāya, Ustūra, Sīra sich nur schwer übersetzen lassen. In Deutschland gelten die Brüder Grimm als die Begründer der vergleichenden Märchenwissenschaften. Sie reflektierten ebenso über die entsprechenden sprachwissenschaftlichen Begriffe und Terminologien. Sie vergaben die erste wissenschaftliche Definition für das deutsche Wort »Märchen«. »Märchen: in allgemeinster Bedeutung, eine Kunde, Nachricht, die der genauen Beglaubigung entbehrt, ein bloßes weiter getragenes Gerücht.« Dies ist der entsprechende Eintrag in das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm.

Märchen, Geschichten und Ideen reisten zwischen der arabischen Welt und Deutschland auf den verschiedensten Wegen und auf den unterschiedlichsten Kanälen. Beginnen wir in der Antike:

Die frühesten bekannten Beispiele von niedergeschriebenen Geschichten und Erzählungen stammen aus dem antiken Mesopotamien und dem Alten Ägypten. Das Gedichtepos Gilgamesch und auch die Geschichte des Sinuhe werden als die frühesten erhaltenen Meisterwerke der Weltliteratur angesehen. In beiden Erzählungen werden zahlreiche universelle Themen, wie Glaube, Tod, Loyalität und soziale Zugehörigkeit erläutert. Die Geschichte vom Beredten Bauern stellt eine der ältesten bekannten Geschichten dar, die ein niederes Gesellschaftsmitglied in den Mittelpunkt stellt. Beredt beklagt ein Bauer hier die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit. Der altägyptische Papyrus Westcar beinhaltet die früheste Erwähnung von Zauberern in der Literaturgeschichte. Fünf Wunder-Geschichten werden dem Pharao Cheops von seinen Söhnen am Hofe erzählt. Somit ist dies gleichzeitig ein frühes Beispiel für das Geschichtenerzählen. Dieses antike Erbe hat sich auf die arabischen Kulturen in unterschiedlichster Weise ausgewirkt. Die Erzählungen und Geschichten haben über Jahrhunderte insbesondere Schriftsteller, Künstler, Filmschaffende und Gelehrte inspiriert und beeinflusst, bis zum heutigen Tag, wie beispielsweise den ägyptischen Nobelpreisträger, Nagib Mahfuz.

Das Studium der Geschichten und des Geschichtenerzählens war oft ein Nebenprodukt von diplomatischen, militärischen oder wissenschaftlich motivierten Missionen. Wegen der schwierigen Reiseverhältnisse waren zum Beispiel diplomatische Treffen zwischen Harun al-Rashid, Kalif des Abassidenreichs, und Karl dem Großen (Charlemagne), dem Gründer Europas, im 8. und 9. Jahrhundert sehr selten. Der Diplomat Ibn Fadlan wurde beispielsweise im Jahre 921 von Bagdad an die Wolga gesandt. Ibn Battuta (1304−1368/9) war ebenso ein Weltreisender und sammelte Geschichten aus allen Orten, zu denen er kam. Ab dem 17. Jahrhundert wurden diplomatische Treffen üblicher und wurden besser dokumentiert. Der Ägypter Rifa’a al-Tahtawi, der 1801 geboren wurde, war einer der ersten, der ausführlich über seine Reisen nach Europa berichtete. Von 1849 an sammelte der preußische Konsul und Theologe, Johann Gottfried Wetzstein, während seiner diplomatischen Missionen, die ihn nach Syrien und Tunesien führten, verschiedenste Handschriften und Dokumente. Sie stellen für deutsche Forscher einen seltenen Schatz für Zeugnisse des arabischen Geschichtenerzählens dar. Dennoch reisen Ideen und Geschichten auch durch Übersetzungen und Deutungen.

Deutsche Schriftsteller bezogen sich auf wichtige Werke der arabischen Literatur. Der deutsche Dichter und Gelehrte Johann Wolfgang von Goethe setzte sich ausgiebig mit der arabischen Sprache, Literatur und Dichtung auseinander. Goethe lernte sogar, arabisch zu schreiben und eine einmalige Schreibübung stammt von seiner Hand. Seine berühmtesten Werke, wie Faust und West-Östlicher Divan enthalten beide verschiedene Verweise auf die Arabischen Nächte oder auf Werke des Dichters al-Mutanabbi aus dem 10. Jahrhundert.

Deutsche Ausgaben der Arabischen Nächte, wie zum Beispiel Die Märchen der Scheherazade oder 1001 Nacht von Karl Pfaff wurden im Jahr 1838 herausgegeben und waren ausschließlich für Kinder gesammelt und illustriert. Sie sind bis heute sehr beliebt. Von 1838 bis 1849 schrieb Johann Peter Lyser eine deutsche Fassung der Arabischen Nächte mit dem Titel Abendländische 1001 Nächte. Die von Wilhelm Hauff frei erfundenen Märchen, wie Der Kalif Storch oder Der kleine Muck sind im »Orient« angesiedelt, wurden aber für ein deutsches Publikum geschrieben.

Die beiden Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sammelten und edierten systematisch alte Geschichten und Märchen Deutschlands. Sie markierten in Deutschland eine signifikante Wendung im Übergang von der Tradition der ausschließlichen mündlichen Erzählung hin zur schriftlichen Erzählform der Märchen … Der deutsche Albert Ludwig Grimm sammelte Fabeln und Sagen. Dank ihm wurden die Arabischen Nächte in Deutschland äußert populär. Er veröffentlichte seine Sammlung von deutschen Sagen sogar noch vier Jahre bevor seine Namensvetter die Brüder Grimm ihre Kinder und Hausmärchen herausgaben.

Der Vergleich von arabischen und deutschen Traditionen des Geschichtenerzählens offenbart die vielfältigsten Verbindungen, gemeinsame Motive und Auffassungen. Tiere spielen in beiden Traditionen eine wichtige Rolle: In Fabeln wie die berühmte arabische Kalila wa-Dimna oder die altägyptische Legende Tefnut ebenso, wie die griechischen Fabeln des Aesop, stellen die Tiere oft menschliches Verhalten dar und lehren so den Leser Werte und Moralvorstellungen. Der deutsche Dichter »Der Stricker«, dessen Werke aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammen, gilt als einer der frühesten deutschen Fabulierer. In Rotkäppchen steht der Wolf für das Böse und die Gier. Eine ähnliche Geschichte ist in der arabischen Welt auch als Layla wa al-Dhib bekannt.

In der arabischen, wie auch in der deutschen Tradition des Geschichtenerzählens gibt es die humorvolle Gestalt des weisen Narren, der die wichtige Aufgabe hat, soziale Beschränkungen aufzuheben und Raum zu schaffen, um über Tabus zu reflektieren. Markante Beispiele sind etwa der deutsche Till Eulenspiegel und der arabische Juha, die beide zu Beginn des 16. Jahrhunderts Berühmtheit erlangten …

In beiden Traditionen des Geschichtenerzählens werden die berühmtesten Protagonisten der Heldensagen von tatsächlichen Ereignissen hergeleitet oder in echten historischen Situationen in Szene gesetzt. Siegfried ist eine der berühmtesten deutschen Sagenfiguren des Mittelalters und spielt im Epos des Nibelungenliedes aus dem 13. Jahrhundert eine tragende Rolle. Er ist ein fast unverwundbarer Held, der letzten Endes dem heimtückischen Verrat durch seinen besten Freund zum Opfer fällt. In der arabischen Welt gibt es Helden, wie Prinz Hamza oder Antar Ibn Shaddad, die ebenso beliebt sind und den Kindern bis heute bekannt sind. Auch weibliche Krieger spielen in arabischen Sagen und Märchen eine wesentliche Rolle, wie zum Beispiel die heldenhafte Prinzessin Dhat al-Himma. 2008 wurde das arabische Heldengedicht der Bani Hilal, das die Abenteuer einer Beduinengruppe über mehrere Jahrhunderte beschreibt, von der UNESCO zum Teil des schützenswerten mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit erklärt, weil es eines der wenigen Epen ist, die bis heute in mündlicher Form weitererzählt werden.

Der Schlaf ist ebenfalls ein sehr prominentes Motiv in mehreren Geschichten und Volksmärchen, wie zum Beispiel in Dornröschen … Schlaf spielt auch eine zentrale Rolle in der Siebenschläfer-Legende, die es nachgewiesener Maßen in arabischen, wie auch deutschen Literaturüberlieferungen gibt. Goethe verfasste zum Beispiel ein Gedicht über die Siebenschläfer, welches er in seinen West-Östlichen Divan einbettete und das sich auf eine islamische Quelle bezieht. In der arabischen Welt ist es als »Ahl al-Kahf« überliefert, was wörtlich als »Die Leute der Höhle« übersetzt werden kann.

Im Aschenputtel-Märchen, von dem es weltweit auch die verschiedensten Versionen gibt, ist der Schuh das herausragende Symbol, das meistens für Schönheit und Reichtum steht. Aschenputtel überwindet damit soziale Unterschiede. Die moderne Golf-Version von Aschenputtel konzentriert sich auf ein Mädchen von geringer Herkunft, das von seiner Stiefmutter mit dem Abschuppen von Fischen beauftragt wird. Die erste Erwähnung einer Aschenputtel-Geschichte, gibt es nachweislich aus dem Jahr 1634. Schließlich wird sie von den Brüdern Grimm wieder aufgenommen. Im Englischen ist das grimmsche Aschenputtel als Cinderella bekannt. Es gibt wahrscheinlich mehr als 345 Fassungen dieses Volksmärchens … Geschichtenerzählen ist eine Kunstform, die bis heute in der arabischen Welt, wie auch in Deutschland auf verschiedene Arten praktiziert wird. Der Djemma el-Fna in Marrakesh wurde von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe erklärt, um diese Tradition zu erhalten. Hier beschreibt der Haupt-Geschichtenerzähler, dass »die Zuhörer die Geschichten mit in ihre Länder nehmen, sie in die Welt tragen. Die Schüler müssen die Geschichten auswendig lernen und dann vortragen. Jetzt mache ich mir um die Erhaltung des Geschichtenerzählens keine Sorgen mehr. Es wird weiter existieren, so Gott will. Das macht mein Herz glücklich. Es gibt eine Zukunft des Geschichtenerzählens.«

In Deutschland wird das Geschichtenerzählen immer populärer und wird ebenso für Immigranten und Geflüchtete genutzt, da es eine universelle Botschaft und Sprache in sich birgt. Die moderne Welt hat viele verschiedene Wege geschaffen, die Tradition des Geschichtenerzählens weiter zu erhalten, sei es durch Computerspiele, Comics, Filme oder Hörbücher. Und weitere Entwicklungen sind zu erwarten. Letztendlich können wir die Leser nur dazu ermutigen, darüber zu reflektieren und ihre eigenen Geschichten und Märchen zu erzählen und zu testen, ob der Schuh passt …

Verena M. Lepper und Sarah Wessel (Hrsg.)
Cinderella, Sindbad & Sinuhe. Arabisch-deutsche Erzähltraditionen
Kulturverlag Kadmos
360 S., kt., 29,80 €

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