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Die Reichen kapseln sich ab

Die Gründung einer Super League vergrößert die Risse im Fußball - vor allem zwischen Klubs und Fans

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.

Sig Zelt gehört noch zu jener Generation, die sich bestens daran erinnern kann, wie der 1. FC Kaiserslautern einst als Aufsteiger die gesamte Bundesliga auf den Kopf stellte. Die Meisterschaft 1998 dient dem Sprecher des Bündnisses «Pro Fans» als Beleg für die Faszination des Fußballs: Klein schlägt Groß. Zumindest manchmal. Menschen wie Zelt fühlen sich seit Sonntag vor den Kopf gestoßen, denn zumindest auf europäischer Ebene wollen die Großen gar nicht mehr gegen die Kleinen spielen.

Zwölf Topvereine aus England, Spanien und Italien planen eine eigene Super League. Für Zelt ist sie eine Horrorvision: «Wenn sich wenige Topklubs Europas um einen größeren Geldhaufen scharen, ist das produktzerstörend», sagt er. Alle Bekenntnisse, dass die Coronakrise zu einem Umdenken führt, sind vergessen. Das Gegenteil ist im Gange: Die Großen können den Hals nicht vollkriegen.«

Es tobt ein Machtkampf von historischer Dimension, nachdem der FC Liverpool, Manchester City, Manchester United, FC Chelsea, FC Arsenal und Tottenham Hotspur (alle aus England), der FC Barcelona, Real Madrid und Atlético Madrid (Spanien) sowie Inter Mailand, AC Mailand und Juventus Turin (Italien) in der Nacht zu Montag offiziell ihren Zusammenschluss verkündet haben. Sie wollen weiterhin in ihren nationalen Ligen, zusätzlich aber auch in einer eigenen Super League mit 20 Teams spielen. Drei feste Starter sollen noch dazukommen, zwei davon wohl aus Frankreich. Weitere fünf Mannschaften dürften sich dem Plan zufolge jedes Jahr qualifizieren. Als eine Art Gnadenakt.

Es ist ein Frontalangriff auf die Europäische Dachorganisation Uefa, unter deren Hoheit die Europapokalwettbewerbe bisher vermarktet werden. Drahtzieher der Abspaltung ist Turins Klubchef Andrea Agnelli, der bis zuletzt noch die Europäische Klubvereinigung ECA anführte. Uefa-Präsident Aleksander Čeferin bezeichnete den italienischen Industriellen nun als »die größte Enttäuschung von allen«. Die Super League sei ein »schändlicher und eigensinniger Vorschlag, ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die den Fußball lieben. Sie spucken den Fans ins Gesicht. Wir werden nicht erlauben, dass sie uns das Spiel wegnehmen.«

Mit jenem Spiel meint Čeferin aber nur vordergründig den Fußball, geht es ihm doch um das Milliardenspiel mit den Großvereinen, die über die Champions League der Uefa bislang einen riesigen Reibach bescheren. Der Weltverband Fifa stellte sich an die Seite der Uefa und erklärte, man missbillige »eine geschlossene europäische ›Ausreißerliga‹ außerhalb der internationalen Fußballstrukturen«. Eine von beiden Verbänden angedrohte Verbannung von Klubs und Spielern etwa von Europa- oder Weltmeisterschaften ist juristisch kaum durchsetzbar. Das hatte der Eislaufweltverband ISU schon nicht geschafft. Außerdem haben die Organisatoren der Super League vor Gerichten Anträge gestellt, um »die reibungslose Einrichtung« des Wettbewerbs sicherzustellen. Finanziert wird alles von der US-Großbank JP Morgan, die zur Gründung die gigantische Summe von 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellen will.

Immerhin wollen sich die Bundesliga-Branchenführer Bayern München und Borussia Dortmund bislang nicht kaufen lassen. Auch RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach spielen nicht mit. Rudi Völler, Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, bezeichnete die geplante Super League sogar als »Verbrechen am Fußball«. Bayern und Dortmund hätten »in allen Gesprächen zu 100 Prozent deckungsgleiche Auffassungen«, betonte Dortmunds Chef Hans-Joachim Watzke, während Bayerns Trainer Hansi Flick über eine Super League sagte: »Das wäre nicht gut für den europäischen Fußball.«

Doch ist es wirklich besser, was die Uefa mit der Reform der Champions League auf den Weg bringt? Ab der Saison 2024/25 sollen 36 statt bislang 32 Teams an ihrer Gruppenphase teilnehmen, zudem soll es deutlich mehr Spiele geben. Das wurde am Montag bei der Sitzung des Exekutivkomitees in Montreux beschlossen. Sig Zelt forderte daher, dass der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga nicht nur die Super League boykottieren. »Wenn sie konsequent sind, müssten sie auch die Reform der Champions League ablehnen.« Weil die nächste Vergrößerung des Formats das Gefälle innerhalb der nationalen Ligen vergrößert, und der Terminplan bereits aus allen Nähten platzt.

Auch Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) kritisierte gleich ganz generell: »Egal, ob nun die Super League oder die Pläne zur Reform der Champions League, die überragende Mehrheit der Fans wird in ihrer sowieso schon äußerst kritischen Wahrnehmung bestätigt, dass verantwortungslose Fußballfunktionäre ihren Sport verkaufen.« Der Zeitpunkt hätte aus Sicht des Frankfurter Fanexperten ungünstiger kaum sein können: »Während der Pandemie mit all ihren Belastungen und Herausforderungen ist das zynisch.« Gabriel glaubt, dass sich die dank der Geisterspiele ohnehin entstandene Distanz zwischen Klubs und Fans nun noch ausweitet: »Ich befürchte, die Kluft wird bald unüberbrückbar sein.«

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