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Ihr Schauspieler!

Andreas Koristka aus aktuellem Anlass über den Berufszweig des Teufels

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

Jede Krise birgt Chancen. Im Falle der Corona-Pandemie ist es das Wegsperren von Schauspielern, das sich als enorm hilfreich herausgestellt hat. Daran sollte man auch künftig nicht nur in der Zeit von 22 bis 5 Uhr festhalten. Die Welt da draußen ist eine bessere, wenn man bestimmten Menschen nicht begegnen kann. Menschen, die davon überzeugt sind, dass das Auswendiglernen schlechter Texte sie zu Koryphäen der Allgemeinbildung und guter Tischsitten macht, deren Meinung gehört werden will.

Aber niemand will wissen, was sie denken. Ganz im Gegenteil hält man Schauspieler allerorten zu Recht für verkommene und höchst ärgerliche Subjekte. Sie nutzen jede Gelegenheit, um allen, die nicht bei Drei den Fernseher ausgeschaltet haben, von ihrem Engagement zu berichten. Wenn jeder, der einem Straßenzeitungsverkäufer schon einmal 20 Cent in die Hand gedrückt hat, ein Schauspieler wäre, müsste das deutsche Fernsehen achtzigmillionenmal mehr Talkshowformate produzieren, damit genügend Aufhebens um die Sache gemacht werden könnte. Egal, ob irgendwo eine Stadtteilbibliothek geschlossen oder ein Orang-Utan zwangsprostituiert wird - schon hat sich ein Schauspieler der Sache in einem ehrenvollen Kampf angenommen, den Kevin Costner in »Robin Hood - König der Diebe« nicht leidenschaftlicher hätte spielen können.

Es ist nie schön, Künstlern zuzuhören. Es liegt in der Natur der Sache, dass es deren Handwerk ist, Allgemeinplätze, die jeder Viertklässler verstanden haben sollte, zu komplexen Materien hochzujazzen, die nur der Künstler selbst in Gänze durchdrungen zu haben scheint. Aber bei Schauspielern potenziert sich die Abscheu. Denn Schauspieler haben das gelernt, was man an Schauspielschulen »gutes Sprechen« nennt. Es ist eine Sprache, die einem nicht mehr Unbehagen bereiten könnte. Ein Unbehagen, das so machtvoll ist, dass es Herpesbläschen platzen und Mageninhalte in den Mund zurückfließen lassen kann. Die meisten Menschen können den Drang, einem Schauspieler ins Gesicht zu spucken, wenn er zu sprechen anhebt, nur mit Mühe unterdrücken und leiden in der Folge an schrecklichen Gewaltfantasien.

Darum sind diese Videos von Allesdichtmachen so schlimm. Es sind nicht die wirren Aussagen. Ein Jahr Pandemie hat die meisten ein bisschen kirre gemacht. Da reagiert man auf geistige Totalausfälle in der Regel mit der gebotenen Empathie. Aber es ist dieses auf wirklich nichts basierende grandiose Selbstvertrauen, das in der Stimme von zum Beispiel Jan Josef Liefers liegt. Vielleicht fühlt sich niemand auf der Welt wichtiger als dieser eitle Geck, der sich durch seine Mitarbeit an unzähligen grottenschlechten Produktionen dazu berufen fühlt, Position in puncto epidemiologischer Fachfragen zu beziehen.

Wenn er dann vielleicht zu ahnen beginnt, was er für einen lächerlichen Mist zusammengeschustert hat, wird sich der Schauspieler damit herausreden, dass alles nicht eins zu eins zu nehmen sei, dass man sich nicht unabsichtlich des Stilmittels der Ironie bedient hätte, dass man vielmehr »aufrütteln« und einen »gesellschaftlichen Diskurs« in Gang hätte setzen wollen. Aber niemand braucht die Wortmeldungen von Schauspielern für Diskurse. Schließlich benötigt man für die Zubereitung eines guten Essens auch niemanden, der einem auf den Tisch kackt.

Es bleibt zu hoffen, dass sich das Wort »Schauspieler« als Gossenschimpfwort an den Schulhöfen durchsetzt. Meinetwegen auch in Variationen wie »Sohn einer Schauspielerin«, »Tochter eines Schauspielers« oder einfach nur »Til Schweiger«. Das wäre das Mindeste an Notwehr, was man diesem Berufszweig des Teufels entgegenbringen müsste.

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