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Virtuelle Aktionärsshow

Kritik war auf der Hauptversammlung der Bayer AG kaum hörbar

  • Von Haidy Damm
  • Lesedauer: 6 Min.

Bayer-Chef Werner Baumann gab sich gegenüber seinen Aktionär*innen zerknirscht. Mit dem Konzernergebnis »können wir nicht zufrieden sein. Wir haben Ihre und wir haben unsere Erwartungen im vergangenen Jahr nicht erfüllt«, sagte er am Dienstag auf der Hauptversammlung des größten deutschen Chemie- und Pharmakonzerns. Wie im vergangenen Jahr wurde die Hauptversammlung pandemiebedingt virtuell abgehalten. Fragen und Kritik mussten vorher eingeschickt werden und wurden von Vorstand und Aufsichtsrat in der eine Million Euro teuren Onlineveranstaltung beantwortet.

2019 hatten die Aktionär*innen Baumann als erstem amtierenden Vorstandsvorsitzenden eines Dax-Konzerns die Zustimmung verweigert. Hintergrund war die Übernahme des US-Rivalen Monsanto. Der Aktienkurs stürzte nach der 66 Milliarden teuren Übernahme in den Keller. Bayer sei »nur noch ein Schatten seiner selbst«, hatte Ingo Speich vom Bayer-Aktionär Deka Investment im Vorfeld der Hauptversammlung erklärt. Der Kauf von Monsanto sei eine Fehlentscheidung gewesen, die Bayer teuer zu stehen komme. »Monsanto hat Bayer nicht krisenfester gemacht, sondern tiefer in die Krise gestürzt.«

Fünf Jahre nach der Fusion hat sich der Kurs noch immer nicht erholt, im vergangenen Jahr verbuchte der Konzern aus Leverkusen mit minus 10,5 Milliarden Euro den höchsten Verlust seiner Firmengeschichte. Mit einem Minus von rund einem Drittel war die Bayer-Aktie 2020 Schlusslicht im deutschen Leitindex Dax. Die tiefroten Zahlen lagen vor allem an Rückstellungen für die US-Klagen wegen Krebserkrankungen durch die Anwendung des Totalherbizids Glyphosat - eine Erfindung von Monsanto.

Doch Baumann hat weiterhin den Aufsichtsrat hinter sich. Im September vergangenen Jahres billigte der Aufsichtsrat einen neuen Vergleich zu den Glyphosatklagen in den USA. Im gleichen Monat verlängerte das Gremium den Vertrag von Baumann um drei Jahre. Rund 9,6 Milliarden US-Dollar hat der Chemiekonzern bisher an Vergleichen vor US-Gerichten bezahlt. Schwierig bleibt der Umgang mit zukünftigen Klagen, die will Bayer gerne endgültig vom Tisch haben. »Entgegen unseren Erwartungen konnten wir trotz Fortschritten noch keine finale Regelung erreichen«, bedauert Baumann in der Hauptversammlung. Im Mai will ein US-Gericht in Kalifornien über einen neuen Kompromissvorschlag entscheiden.

Für den Grünen-Bundestagsabgeordneten Harald Ebner passt das nicht zusammen. Bayer behaupte einerseits, Glyphosat sei unbedenklich und stelle Anträge für die weitere Zulassung in der EU, auf der anderen Seite stimme der Konzern Schadensersatzforderungen zu. »Ich sehe da keine Neuausrichtung«, so Ebner am Dienstag bei den - ebenfalls virtuellen - Protestveranstaltungen zur Bayer-Hauptversammlung.

Auch Jan Pehrke von der Coordination gegen Bayer-Gefahren kritisiert in seiner Stellungsnahme zur Hauptversammlung: »Der Konzern versucht sich an der Quadratur des Kreises: Er will Glyphosat aus Profit-Gründen weiter verkaufen, aber nicht weiter für die gesundheitlichen Folgen einstehen, die das unweigerlich mit sich bringt: Bayer setzt alles daran, um sich Klagen von zukünftigen Krebskranken so gut es geht vom Leib zu halten.«

Dabei ist Glyphosat längst nicht der einzige Pestizid-Streitpunkt. Für das Pestizid Dicamba habe Bayer eine weitere fünfjährige Zulassung erhalten, freute sich Baumann. Im Juli vergangenen Jahres hatte bereits Brasilien das Mittel, das auf gentechnisch veränderte Sojabohnen und Baumwolle gesprüht wird, erneut zugelassen, auch wenn es weiterhin als »sehr gefährlich für die Umwelt« eingeordnet wird. Im Oktober folgten die USA. Hier war noch im Juni der Verkauf von Dicamba nach Klagen juristisch untersagt worden. Ein Gericht in San Francisco hatte dem US-Umweltamt Fehler bei der ursprünglich 2018 erteilten Zulassung attestiert und dem Mittel die Registrierung entzogen. Verkauf und Verwendung wurden untersagt, weil die Risiken im Zusammenhang mit Dicamba unterschätzt würden.

Das geplante Mercosur-Abkommen mit Staaten wie Argentinien, Brasilien und Uruguay soll dem Konzern weitere Gewinne in der Agrarsparte einbringen, die insgesamt im vergangenen Jahr nur ein Umsatzplus von einem Prozent vorweisen konnte. Das Handelsabkommen, das die EU mit diesen Ländern abgeschlossen, aber noch nicht unterschrieben hat, würde den Import von Pestiziden in den Mercosur-Staaten vergünstigen. »Zudem treibt es ein Landwirtschaftsmodell voran, das vom Verbrauch großer Mengen an Pestiziden abhängt«, kritisiert ein internationales Bündnis aus 450 Nichtregierungsorganisationen in Europa und Lateinamerika. Profitieren würden demnach auch deutsche Pestizidhersteller wie Bayer und BASF, die bereits heute Pestizide in diese Region exportieren, auch solche, die in der EU aufgrund ihrer Gefährlichkeit nicht zugelassen sind. Trotz massiver Gesundheitsgefährdungen seien Pestizide Teil der Exportstrategie des Konzerns auch durch das Handelsabkommen Mercosur zwischen Europa und verschiedenen lateinamerikanischen Ländern, kritisiert Bettina Müller vom Netzwerk Powershift. »Bayer verneint den Zusammenhang von Gesundheitsauswirkungen und macht massiv Lobbyarbeit auf Regierungsebene. Das zeigt uns, wie egal ihnen die Folgen für die Menschen vor Ort sind.«

Eine aktuelle Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung und weiterer Nichtregierungsorganisationen bestätigt, dass Bayer wie auch BASF in der EU verbotene Pestizidwirkstoffe in vielen Ländern weiter vermarktet. So habe Bayer in der Vergangenheit insgesamt 22 extrem- beziehungsweise hochgiftige Pestizidwirkstoffe entwickelt und vermarktet. Teilweise würden diese Wirkstoffe von Bayer weiterhin in eigenen Pestizidprodukten im globalen Süden wie etwa in Brasilien, Südafrika und Mexiko vertrieben.

In Zukunft immer online
Kritische Aktionäre fürchten um ihre Aktionsmöglichkeiten - die Hauptversammlungen finden virtuell statt

Baumann sieht denn auch Perspektiven gerade in der Landwirtschaft. So zögen die Preise für Mais und Soja kräftig an, Landwirt*innen dürften also bereit sein, mehr Geld auch für das Saatgut von Bayer auszugeben. Baumann sprach von einem wohl erfolgreichen Start ins Jahr. »Gerade im Agrargeschäft sehen wir ein Marktumfeld, das uns zunehmend positiv stimmt.«

Positiv bewerten Investor*innen außerdem die Strategie der Pharmasparte im Bereich der Gen- und Zelltherapien, den Bayer zuletzt mit Übernahmen gestärkt hatte. Zwar verzeichnete der Konzern hier einen Umsatzrückgang, Baumann sprach jedoch von einem »tiefgreifenden Wandel«, gar einer Bio-Revolution, in der Bayer »hervorragend aufgestellt« sei. »Unsere besondere Chance liegt darin, dass grundlegende Technologien wie die Genom-Editierung oder die Mikrobiom-Forschung Innovationen in allen Geschäftsfeldern hervorbringen werden.« Der Grünen-Politiker Ebner kritisierte in diesem Zusammenhang Bayers Lobbyismus besonders auf EU-Ebene, die Zulassungen von neuen Gentechnikverfahren wie Crispr/Cas zu verwässern. Bei dieser molekularbiologischen Methode wird DNA gezielt geschnitten und verändert. In der EU wird darüber gestritten, ob diese Methode als Gentechnik einzustufen und damit kenntlich gemacht werden muss. Sollten die Befürworter*innen damit durchkommen, sei »unser aller Wahlfreiheit eingeschränkt«, so Ebner.

Während Bayer bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid-19 nur eine untergeordnete Rolle spielt, hat die Pharmasparte des Konzerns besonders im Consumer-Health-Geschäft zugelegt. »Um ganze 23 Prozent sind unsere Umsätze in der Kategorie Nahrungsergänzung im vergangenen Jahr gestiegen«, erklärte Baumann. Gerade in der Coronakrise boomen diese Nahrungsergänzungsmittel.

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