Wundersame Wandlung

Thomas Tuchel führt Chelseas Fußballer ins Finale der Champions League

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

An die ersten Worte von Thomas Tuchel in London hat kaum jemand geglaubt. Ende Januar, als der 47-jährige Schwabe beim FC Chelsea als neuer Trainer vorgestellt wurde, sprach er davon, noch in diesem Jahr um Titel spielen zu wollen. Sein neuer Klub stand in der Premier League auf Platz neun, das Team wirkte in der stärksten Liga der Welt überfordert. Und Tuchels erster Auftritt an der Seitenlinie gab auch keinen Anlass zur Hoffnung: ein torloses Remis an der Stamford Brigde gegen die Wolverhampton Wanderers. Gut drei Monate später könnte das Staunen über die wundersame Wandlung der Blues nicht größer sein: Der Fußballlehrer aus Krumbach hat Chelsea ins Finale der Champions League geführt.

Besten Anschauungsunterricht, mit welchen Mitteln Tuchel die Londoner in kurzer Zeit zu einem Spitzenteam geformt hat, bot der 2:0-Sieg am Mittwochabend im Halbfinalrückspiel gegen Real Madrid. Das 1:1 aus dem Hinspiel in der spanischen Hauptstadt kam Tuchels Taktik dabei durchaus entgegen. Chelsea überließ Real das Spiel: Madrids Fußballer kamen auf 64 Prozent Ballbesitz und spielten 733 Pässe, die Londoner nicht mal halb so viele.

Tuchel lässt lieber seine Spieler laufen als den Ball. Gegen Real legten die Londoner sechs Kilometer mehr als der Gegner zurück - und das in einer mannschaftlichen Geschlossenheit, die selbst ihren Trainer beeindruckte: »Es war immer so, dass alle elf wirklich gelitten haben, um zu verteidigen.« Drei Abwehrspieler im Zentrum und zwei auf den Außenbahnen sowie zwei defensive Mittelfeldspieler machten durch geschicktes Verschieben die Räume so eng, dass die offensivstarken Madrilenen nur auf acht Torabschlüsse kamen, die Mehrzahl davon nicht mal wirklich gefährlich. Chelseas drei Offensivspieler in Tuchels 5-2-3-System attackierten unablässig schon die ballführenden gegnerischen Verteidiger. Und sie arbeiteten im taktischen Gebilde auch derart diszipliniert nach hinten, dass Reals Stärke, durch intelligenten Aufbau freie Räume zu erspielen und Druck zu erzeugen, kaum zur Wirkung kam.

Solch systematisches Offensivpressing führte auch bei Real Madrid zu Fehlern: 42 gewonnene Bälle verzeichnete die Statistik für Chelsea. Wenn die Londoner das Spielgerät haben, geht es meist rasend schnell. Wie beim Führungstreffer durch Timo Werner. Als N’Golo Kante in der 28. Minute den Ball im Mittelfeld bekam, setzten Werner und Kai Havertz sofort zum Vollsprint Richtung Real-Tor an. Im Zusammenspiel des Trios gelangte der Ball nach vier Stationen wieder zu Werner, der zum 1:0 einköpfte. Aktionen dieser Art hatten die Londoner einige - weil die Laufwege unter Tuchel klar abgestimmt sind und Automatismen greifen. Am Ende kam Chelsea auf 14 Torabschlüsse, einen davon verwertete Offensivmann Mason Mount fünf Minuten vor dem Ende zum 2:0-Endstand.

»Das war vom ersten Moment an sehr besonders«, schwärmte Tuchel danach von seinem Team. Denn er weiß, dass defensive Stabilität nicht nur das Allheilmittel ist, um verunsicherte Mannschaften wieder auf Kurs zu bringen. Das hat er mit Chelsea geschafft: Von 24 Spielen verloren die Londoner nur zwei und kassierten dabei gerade mal zehn Gegentore. Tuchel weiß auch, dass defensive Stabilität die Grundlage für die ganz großen Erfolge ist. Der Sieg gegen Real Madrid, dass seit Ende Januar nicht mehr verloren hatte, war ein weiterer Schritt dahin. Den letzten wollen Chelseas Trainer und seine Spieler am 29. Mai im Finale machen.

In der vergangenen Saison verlor Tuchel mit Paris St. Germain das Endspiel in der Champions League gegen Bayern München. Diesmal soll es klappen: »Wir werden in Istanbul ankommen, um zu gewinnen.« Dafür müssen er und sein Team aber noch mal Besonderes leisten. Denn im englischen Duell um Europas Krone geht es gegen Manchester City mit Trainer Pep Guardiola. Der Spanier ist, ebenso wie Tuchel, ein detailverliebter und taktikbesessener Perfektionist. Und er hat die Raumverengung und das Ballgewinnen durch kollektives Verteidigen zu einer Kunstform entwickelt, dass es so leicht aussieht und alle nur über das Offensivspektakel seiner Mannschaften sprechen. Doch auch gegen Guardiola konnte Tuchels Chelsea schon glänzen. »Der Sieg im Pokal hat uns sehr viel Selbstvertrauen gegeben«, sagte er mit Blick auf den Endspielgegner. Und weil die Londoner Mitte April im Halbfinale des FA-Cups Manchester City besiegt hatten, kann Tuchel sein Titelversprechen schon am 15. Mai einlösen - im Pokalfinale gegen Leicester City.

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