Arbeitsbeginn bei Sonnenaufgang

Die Klimajournalisten Nick Reimar und Toralf Staud warnen in ihrem neuen Buch vor den Folgen der Klimaerwärmung für Deutschland

  • Von Christian Mihatsch
  • Lesedauer: 4 Min.
Abgestorbene Fichten im Harz
Abgestorbene Fichten im Harz

Deutschland ist in den vergangenen 240 Jahren 1,6 Grad wärmer geworden. In den nächsten 30 Jahren kommen weitere 0,4 Grad hinzu - mindestens und unabhängig davon, wie weit die Menschheit die Treibhausgasemissionen senkt. Wer heute jünger als 50 ist, wird das also vermutlich noch erleben. Doch was heißt das für unseren Alltag? Antworten darauf gibt ein neues Buch: »Deutschland 2050 - Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird«. Auf knapp 350 Seiten zeigen die erfahrenen Klimajournalisten Nick Reimer und Toralf Staud, was zwei Grad Erwärmung für Stadt und Land, Wirtschaft, Verkehr und insbesondere für uns Menschen bedeutet.

Das Hauptproblem ist zunehmende Hitze. Der menschliche Körper ist gut darin, seine Temperatur nach oben zu regulieren, aber weniger, dies nach unten zu tun. Hitzewellen sind daher das Extremwetterereignis mit den meisten Todesopfern. Eine weitere Gefahr sind tropische Krankheiten: Wenn es wärmer wird, kommen Moskitos nach Deutschland, die Chikungunya-, Dengue- oder Gelbfieber verbreiten. Hitze ist aber auch in vielen anderen Bereichen ein Problem: Ab 55 Grad in der Sonne wird der Asphalt weich. Eisenbahnschienen können sich verbiegen. Bei Hitze nimmt auch die Produktivität in der Wirtschaft ab. Eine mögliche Lösung wäre die Verschiebung der Arbeitszeiten: Beginn bei Sonnenaufgang.

Das zweitgrößte Problem sind Dürren im Sommer. Übers Jahr wird zwar etwas mehr Regen fallen, doch meist im Winter. Einen Vorgeschmack haben die Dürresommer 2017 bis 2020 geliefert. »Die Simulationsergebnisse zeigen einen Trend zur Steppe«, warnte das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung schon in den 1990er Jahren in einer Studie. Insbesondere die Wälder sind gefährdet, die gleich unter drei Faktoren leiden: Hitze, Wassermangel und Schädlinge wie den Borkenkäfer, die sich bei höheren Temperaturen schneller vermehren.

Auch Überschwemmungen werden zunehmen. Warme Luft kann mehr Wasser aufnehmen, es kommt öfter zu Starkregen. Zudem werden Stürme stärker, über Land und über dem Meer. Und der Meeresspiegel insbesondere in der Nordsee steigt. Ein immer größeres Problem werden Waldbrände sein. All das stellt die Feuerwehren und die Einheiten des Technischen Hilfswerks vor immer größere Herausforderungen. Doch diese bestehen meist aus Freiwilligen und werden von den Kommunen getragen, die unter Finanznot leiden. Reimer und Staud schreiben daher: »Die bisherigen Strukturen von Rettungsdiensten werden immer stärker an ihre Grenzen stoßen.«

Das gilt auch für vieles Andere, etwa für Baunormen. Wer wissen will, wie sich Berlin im Jahr 2050 anfühlt, kann ins südfranzösische Toulouse fahren. Und für München ist die »Partnerstadt« Mailand. Doch diese Städte haben sich über Jahrhunderte mit ihrem jetzigen Klima entwickelt. Berlin und München wurden für andere Wetterverhältnisse gebaut. »Klimawandel bedeutet eine radikale Entwertung des Erfahrungswissens«, so die Autoren. »Tausende Regeln in Handwerk und im Ingenieurwesen sind geschrieben für die Temperaturen, Stürme und Niederschläge der Vergangenheit.«

Trotzdem ist Deutschland noch relativ gut vorbereitet. Das zeigen die vielen Studien und Experten, die Reimer und Staud zitieren. Die größten Auswirkungen auf den Alltag im Deutschland des Jahres 2050 könnten daher Folgen der Klimaerwärmung in fernen Ländern sein. Zum einen wird der Migrationsdruck zunehmen. Aktuell herrscht nur auf 0,8 Prozent der Erde eine Durchschnittstemperatur von 29 Grad. Im Jahr 2070 gilt das für rund 19 Prozent. Ein »nahezu unbewohnbarer« Gürtel zieht sich dann auf der Höhe der Tropen um die Welt von Afrika bis Thailand - die Heimat von 3,5 Milliarden Menschen. Zum anderen steigt die Gefahr von Hungersnöten. Wenn sich der Jetstream abschwächt, dann steigt nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass es in mehreren Anbaugebieten für Mais, Reis, Soja und Weizen gleichzeitig zu Extremhitze kommt. Der Chef des Umweltbundesamts, Dirk Messner, warnt denn auch: »Die indirekten Folgen des Klimawandels können für uns gefährlicher sein als alles, was wir hierzulande an Veränderungen bewältigen müssen.«

Nick Reimer, Toralf Staud: Deutschland 2050 - Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird. Kiepenheuer & Witsch, Köln, kart., 350 S., 18 Euro.

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